Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLIX/ 98, Wien 1995, 423-440
Die Hand, die zum Himmel zeigt
Von Vojislav Vujović
In der Landschaft der Herzegowina, dort, wo im Karstgebirgehinter der Adria die glühende sommerliche Hitze die Pflanzen ver-dorren läßt, liegen immer wieder Steine, auf denen eine weit geöffneteHand eingemeißelt ist, die sich dem Himmel entgegenstreckt, wie umihn zu erreichen.
Der Mensch, einst vom Himmel gerissen und auf die Erde gewor-fen, ist seitdem im menschlichen Körper als heruntergestürzter Engelgefangen. Er kämpft ständig mit dieser körperlichen Enge und ver-sucht die Fesseln zu sprengen, um erneut in den Himmel aufzusteigen.Aus diesem Grunde wird im einsamen und stillen Karst der gerechteMensch mit erhobener und weit geöffneter Hand in Richtung Himmelund Sonne gezeigt.
Der Legende nach ruhen unter den Steinen der herzegowischen undbosnischen Nekropolen nur gute Menschen. Man gedenkt ihrer be-sonders und pflegt die Steine, die man ,, Stećci"( Sing. Stećak) nennt.An heißen Sommertagen, wenn Dürre droht, fleht man bei ihnen umRegen, und von einheimischen Frauen wird der Steinstaub abge-kratzt, der heilend wirken soll.
Seit Generationen wird erzählt, daß im Stolac- Gebiet in der Her-zegowina unter einem der vielen ,, Stećci“ ein gerechter Menschbegraben liegt. Er soll im Kampf gegen das Böse sein Leben verlorenhaben und seine Stimme ist seit Jahrhunderten bereits auf dem Wegezum Himmel. Sie wird noch so lange unterwegs sein, bis sie erhörtwird. Wie es weiter heißt, ist diese Stimme auch manchmal auf derErde unter den Menschen zu vernehmen. Doch hören und verstehenkann sie nur jener, der in Gedanken und durch Taten versucht, gerechtzu sein.
Die zum Himmel erhobene Hand erscheint sehr oft als Motiv aufden ,, Stećci" und veranschaulicht zusammen mit den Symbolen Son-ne, Mond oder Sterne, die Reise der Seele eines gerechten Men-schen in die Ewigkeit. Diese Symbolik ist nicht nur in Bosnien und