Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
Seite
397
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLIX/ 98, Wien 1995, 397-422

Mißbrauch des Mythos in der serbischen Literatur undzeitgenössischen Politik

Von Rašid Durić

I. Was ist der ,, Mythos"?

Angesichts des häufigen und unterschiedlichen Gebrauchs desBegriffs ,, Mythos sei an dieser Stelle eine Arbeitsdefinition vorge-schlagen, die keinerlei Anspruch auf eine weitergehende Gültigkeiterhebt, sondern lediglich dazu dienen soll, das Verständnis der wei-teren Argumente zu erleichtern. Unter einem Mythos verstehe ich dieeinem Ensemble von Diskursen zuordenbare kompakte Konstellationarchetypischer semantischer und axiomatischer Einheiten, eine Kon-stellation, die in der jeweiligen Kultur eine konstitutive synthetisie-rende Funktion ausübt. Dabei ist der Mythos selbst im Unterschiedzu seiner narrativen Transformation handlungsorientiert, er impliziertseine rituelle Realisation, ebenso wie der Ritus den mythischenDiskurs. Die axiomatische und semantische Konstellation des My-thos findet ihren jeweiligen sprachlichen Ausdruck in der Konfigura-tion des Ausdrucks und der Bedeutungseinheiten des mythischenDiskurses.

Zusammenfassend können wir feststellen, daß der ästhetische Wertim Mythos in der Orientierung auf die Wahrnehmbarkeit von rituellerHandlung und mythischer Dichtung und Diskurs zwar angelegt, abernicht als eigenständige Größe ausgebildet ist. Da es nur eine ontischeWertfundierung gibt, besteht im mythischen Diskurs kein Unter-schied zwischen Eigenwert und Wertzuschreibung. Nicht zufälligwill uns erscheinen, daß unser Begriff des Ästhetischen sich vomgriechischen Ausdruck für das sinnlich Wahrnehmbare herleitet.

Dunkel liegt über allem Anfang und allem Ende. Wie könnte manmehr wissen über das Gewaltigste, das uns umgibt und uns aufrechterhält, über all das, was wir Himmel, Erde und Meer nennen, und waswir als Menschen aller Wohnplätze und als Tiere, Fische und Vögel