Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLIX/ 98, Wien 1995, 371 – 396
Andreas von Rinn
Der Kult eines ,, heiligen Ritualmordopfers"
im historischen Wandel
Von Georg R. Schroubek
Die Wahnvorstellung, daß ,, die“ Juden regelmäßig zu bestimmtenTerminen unmündige Christenkinder zu Tode marterten und derenBlut zu religiösen Zwecken gebrauchten, scheint nur auf den erstenBlick dem Volksaberglauben zu entstammen. Für diese Vermutungkönnten zwar Verbreitung und Beständigkeit der konstituierendenElemente dieser sogenannten Ritualmordbeschuldigung sprechen,wie sie sich vom 12. Jahrhundert an und teilweise bis heute in fastganz Europa und bis nach Vorderasien hin vieldutzendmal dokumen-tieren läßt. Aber alle vorgeblich durch die Volksmeinung verursach-ten, scheinbar spontanen Beschuldigungen der Juden waren in Wirk-lichkeit abhängig von früheren Geschehnissen, die sich in örtlicherund zeitlicher Nähe abgespielt hatten und die ihrerseits abzuleitenwaren von älteren Vorfällen, und sie alle wiesen deutliche Kennzei-chen theologischer Spekulation auf. Nur das„, Wissen“ um die beiallen diesen Fällen angeblich jeweils beobachtbaren Motive schuf dieVoraussetzung, irgendwelche wie vage auch immer in das Schemapassende aktuelle Ereignisse zu neuen Causae zurechtzubiegen. Fürwie lange dann ein solcher Vorfall im allgemeinen Bewußtsein blieb,hing weniger davon ab, wie spektakulär seine erste Phase verlaufenwar, als davon, inwieweit wirksame gedächtnisstützende Medieneingesetzt wurden, um die Erinnerung an ihn lebendig zu erhalten.Die viel beschworene mündliche Überlieferung des„, Volkes“ alleinvermochte das über eine kurze Zeitspanne hinaus keinesfalls zuleisten.
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Von diesen Tradierungsstützen waren die im weitesten Sinn reli-giösen die effektivsten. Zwar spielte bei der Blutbeschuldigung eineganze Reihe von Wirkkräften eine Rolle, psychologische, soziale,ökonomische, zuletzt auch tagespolitische und rassenideologische,aber vor allem doch galt sie als eines der„, Religionsverbrechen“,