1995, Heft 3
Chronik der Volkskunde
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( Detmold) sah das textile Sachgut ,, Bettwäsche“ im Schnittpunkt von Volks-kunst, Hausfleiß und Hausindustrie als ,, Spiegelbild der gesellschaftlichenWirklichkeit“; Bärbel Kleindorfer- Marx( Cham) bot eine( vorerst mit 1945begrenzte, cf. ÖZV 49/98) Fortsetzung ihrer Bestandsaufnahme des Waren-sortiments der Möbelfabrik Schoyerer; Martin Zeiller( Wien) führte ins,, Mouse Museum“ von Claes Oldenburg; Ronald Lutz( Erfurt) spürte den,, dionysischen Qualitäten des Menschen“ in den ,, ästhetischen Straßenereig-nissen"( denen er„, kreatives Chaos" attestierte) nach; Bernhard Tschofen( Wien) verfolgte anhand afghanischer Teppiche aus den 80er Jahren einenProzeß rezenter ,, Volkskunstwerdung"; und in seinem zur Tagungshalbzeitgehaltenen öffentlichen Abendvortrag über ,, Werbung als Volkskunst“ sprachsich Martin Heller( Zürich) für eine völlige ,, Begriffsliberalisierung“, ja ,, Be-griffsbereinigung“ von Volkskunst" aus und forderte einschlägige for-schungsstrategische ,, Promiskuität“ unter Einschluß bislang weitgehendfachfremder Diskurse( wie etwa designtheoretischer Ansätze).
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Bunt also, in summa. Und wenn auch Elisabeth Katschnig- Fasch( Graz)-in Anschluß und Auseinandersetzung v.a. mit dem von ihr als bürgerlich-elitäres Interpretament bezeichneten Entwurf Bourdieus generell zur Proble-matik des Diskurses um Geschmack und Lebensstil und seiner gesellschafts-politischen Konditionen Stellung nehmend- jene postmodernistisch be-hauptete( und Egalität suggerierende) Ubiquität einer individualistischen,, Kultur des Wählens“ in Frage gestellt hatte: der Vielfalt selektiver Optionim Forschungszugriff blieb das Tagungsangebot jedenfalls ebenso wenigschuldig wie dem breiten Spektrum des mittlerweile recht segmentiertenthematischen Feldes. Volkskunst, Massenkunst, temporäre Gruppenkunst,populäre Gestaltung, Memorialobjekt, ästhetisch- kreative Alltagspraxisetc.: Totgesagte leben lang. Und wenn auch nur per Mitose.
Herbert Nikitsch
Symposion ,, Kasperl- Teufel- Krokodil"Traditionelles Puppentheater vom 12. bis 14. Maiim Österreichischen Museum für Volkskunde, veranstaltetvom Kultur- und Museumsverein ,, Freunde des Puppenspiels"
Eine Rückschau
Als die Beilage in der Unima- Zeitung zu diesem Symposion kam, habeich mit viel Interesse das Programm studiert: sehr dicht und konzentriert,eine Fülle von Ansätzen, die die traditionellen Puppenspielformen untersu-chen, erklären und einander gegenüberstellen. Aber auch eine Fülle beispiel-hafter Vorstellungen aus dem europäischen Raum. Und ich habe bald ge-