Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
Seite
277
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLIX/ 98, Wien 1995, 277-295

Das wachsende Studienobjekt und derschwindende Fachbereich

Anmerkungen zur amerikanischen Folkloristik¹

Von Regina Bendix

Vorbemerkung

Während der letzten 15 Jahre von Studium und Lehre im Bereichder Kulturwissenschaften bin ich in eine etwas paradoxe Situationgeraten. In den USA gelte ich als Europaspezialistin mit Schwerpunktauf deutschsprachiger Volkskunde. In der Schweiz, wo ich vor einigenJahren einen Lehrauftrag in Basel annehmen durfte, war vor allemmein Wissen um die amerikanische Folkloristik gefragt. Um meinemstaatlichen Doppelbürgertum auch intellektuell einigermaßen ge-recht zu werden, habe ich mich deshalb in letzter Zeit vermehrt mitWissenschaftsgeschichte beschäftigt. Der Readers' Digest- Aus-schnitt aus der Geschichte und Gegenwart der amerikanischen Fol-kloristik, den ich Ihnen hier vortragen werde, ist aus dieser Arbeiterwachsen.

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Es gab eine Zeit, wo der Einstieg in ein Fach am eingängigsten beiseiner Bezeichnung begann. Doch im Zuge vermehrter Reflexionüber die Anfänge wissenschaftlicher Fachbereiche im positivisti-schen 19. Jahrhundert kommt es zu manchen Unbequemlichkeiten.Germanisten entziehen sich heute gerne dem Beiklang einstmaligerGermanenverehrung und nennen sich Sprach- und Literaturwissen-schaftler, und Volkskundler kämpfen mit ihrem Namen spätestens seitFalkenstein. Diesbezüglich steht es bei der amerikanischen Folklori-stik kaum besser. Folklore ist zwar nicht( oder noch nicht) mitnationalsozialistischer Politik assoziiert wie der Begriff Volkskun-de- nach den Beobachtungen einer schwedischen Kollegin häufensich allerdings solche Verbindungen derzeit unter jungen Skinheads

1 Vortrag am Institut für Volkskunde der Universität Graz am 20. Juni 1995.