Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
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Konrad Köstlin

ÖZV XLIX/ 98

chen gestochen?" Der sechste wer hat mit meinem Messerchengeschnitten? Der Siebte wer hat aus meinem Becherlein getrun-ken?""

Da stellt sich doch heraus( und da hat uns Norbert Elias die Ohrengeputzt), daß jedes der Zwerglein ein eigenes Bett hat. Von wegenvolkstümliche Gemeinschaft, die Zwerge sind höchst moderne Indi-viduen. Der erste Satz gleichartiger und die Hierarchie aufhebender,gleichmachender Stühle, von dem wir wissen, ist um 1490 im PalazzoStrozzi in Florenz belegt³¹, ein erstes ,, Service mit gleichen Tellern100 Jahre später52, und noch einmal 100 Jahre später die serielleHerstellung von Eßgeräten in Frankfurt 53.

Was fragen die Zwerge also? Daß die Burschen so sensibel reagie-ren, ist ja nicht nur ihre kriminalistische Spurensicherung. Sie empö-ren sich und ekeln sich und das hat mit Landleben nichts zu tun: dort man noch im 19., ja im 20. Jahrhundert vielfach aus einer Schüs-sel 54, und ein eigenes Bett 55 war keineswegs die Regel. Darüberwissen wir durch die volkskundlichen Atlaserhebungen und die le-bensgeschichtlich orientierte Sozialgeschichte gut Bescheid. 56 Die51 Giedion, Sigfried: Die Herrschaft der Mechanisierung. Ein Beitrag zur anonymenGeschichte. Frankfurt am Main 1982, S. 302: Giedion betont, daß man bei denmit dem Familienwappen der Strozzi versehenen Stühlen ,, daran dachte, denStuhl nicht nur als Ehrenzeichen, als Einzelstück aufzufassen, sondern ihnserienmäßig zu verwenden. Vgl dazu auch Leopold Schmidts wegweisendenText: Bank und Stuhl und Thron. Sitzen als Haltung, Sitzbehelfe, Sitzgeräte. In:Antaios XII( 1970), S. 85- 103.

52 Zwischen 1580 und 1589 sind für Kardinal Alessandro Farnese( später Papst PaulIII.) hergestellte Teller eines Tafelservices belegt. Die in der Werkstatt vonCastelli hergestellten kobaltblauen und mit feinem Golddekor versehenen Majo-likateller tragen das Kardinalsdekor Alessandros. Museo Capodimonte, Neapel;Kat. Nr. 157-162; insbesondere Nr. 162 mit 6 gleichen Tellern.

53 Historisches Museum Frankfurt. Historische Dokumentation 16.- 18. Jahrhun-dert. Frankfurt am Main 1975, Text 12.05.

54 Wiegelmann, Gunter: Tischsitten. Essen aus der gemeinsamen Schüssel. In:Zender, Matthias( Hg.): Atlas der deutschen Volkskunde. NF 4. Lfg., 2. Teil.Marburg 1981, S. 225-249.

55 Korff, Gottfried: Einige Bemerkungen zum Wandel des Bettes. In: Zeitschrift fürVolkskunde 77( 1981), S. 1 16. Das Schweizerische Museum für Volkskundein Basel zeigt derzeit die Ausstellung ,, wie sie sich betten". Wir schlafen nichtmehr ohne die Kulturgeschichte des Schlafens und des Bettes, schlafen nichtmehr, ohne die historischen Voraussetzungen unseres Schlafens gedeutet zubekommen.

56 Mitterauer, Michael: Historisch- anthropologische Familienforschung: Fragestel-lungen und Zugangsweisen. Wien, Köln 1990(= Kulturstudien, 15).