1995, Heft 3
Lust aufs Ganze
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Lust hat man heute viel. Lust haben sie alle, und auch auf allerlei.Mitte der 80er Jahre ließ sich die Literaturzeitschrift„ Freibeuter"mit der ,, Lust auf Städte“ vernehmen und signalisierte mit der Gen-trification der Innenstädte eine Abkehr von der ländlichen Idylle.Stadtleben war angesagt. Kurz zuvor, 1980, war ein hoffnungsvollgrünes Buch erschienen, das mit dem Titel ,, Dörfer wachsen in derStadt" eben jene Totalität des Ganzheitlichen, Dörflich- Heimatlichenins Stadtquartier verpflanzen wollte. Das war, gemessen an der Lustauf Städte, ein katastrophales Mißverständnis, aber es war doch aucheines, das die Kämpfer gegen die behauptete ,, Unwirtlichkeit derStädte", die Quartiersoziologien der kleinen Räume, stützte. Volks-kundler langten da gerne zu, handelte es sich doch um eine Anrich-tung nach ihrem Geschmack. Die These war nicht neu, nicht unerhört,sondern kam eher altmodisch- vertraut daher, aber hatte neuen Putzdurch das grüne Gewand erhalten. Dennoch: das Ganze sollte esschon sein, das die Stadt wieder zum lebensvollen Raum machensollte. Und als Muster des Ganzen wurde das Dorf genannt, 33 das hierals überschaubar und menschlich angeboten wurde. Die Großstadt,als Moloch selbst Metapher der Modernität, 34 galt als Zerteilte undZerteilende, das Atomisierende und das Atomisierte, dem nun einesehr viel kleinere Ganzheit implantiert werden sollte, die sie viel-leicht sogar auf jene vermutete Übersichtlichkeit des Früher zurück-führen sollte. Ein humanes Maß also, wie es die Wiener Reduktionaufs Gretzel mit seinen Quartiermuseen und den durch literarisch- hi-storische Verweise auratisierten Kaffehäusern und Beisln diskursivund alltagspraktisch- hilfreich demonstriert. 35
Carlo Ginzburg redet gerne von der ,, Lust an der Geschichte", vonder Lust, die bei der Spurensicherung aufkommt, wenn der Jäger dieFährte entziffert.36 Vom ,, Dechiffrieren" spricht man im Fach längst,
33 Das neue Verwaltungsgebäude von Daimler- Benz in Stuttgart- Möhringen nimmtan der Überschaubarkeit des Dörflichen ausdrücklich Maß. Die anthropologischeKonstante als Richtgröße einer Einheit liegt bei 300 Menschen- da seien, so derArchitekt, Überschaubarkeit und Kommunikation noch gewährleistet.
34 Bergmann, Klaus: Agrarromantik und Großstadtfeindschaft. Meisenheim amGlan 1970.
35 Veigl, Hans: Wiener Kaffeehausführer. Nicht daheim und doch zu Hause. 2. Aufl.Wien 1994; Anwander, Berndt: Beisln und Altwiener Gaststätten. 2. Aufl. Wien1993. Das Buch enthält eine Art Gebrauchsanweisung, die von dem Kulturwis-senschaftler Roland Girtler verfaßt ist.
36 Ginzburg, Carlo: Spurensicherungen. Über verborgene Geschichte, Kunst und