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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLIX/ 98
LECOUTEUX, Claude, Démons et Génies du terroir au Moyen Age.Paris, Editions Imago, 1995. 218 Seiten.
Der Autor, Professor an der Sorbonne in Paris, scheint sich wachsend zueinem Spezialisten für Unholde und Schreckgestalten im Mittelalter zuentwickeln. Erst kürzlich hat er in der Enzyklopädie des Märchens denArtikel ,, Kopflose" veröffentlicht; eine Reihe seiner einschlägigen Werkehaben wir schon früher vorgestellt.
Die Thematik ist hochinteressant, hat jedoch auch ihre Tücken, wie zumBeispiel die schwere Abgrenzbarkeit. Das darf etwa für Vorstellungen undGestalten wie die aus dem Engelssturz entstandenen Dämonen gelten.
Das Schwergewicht der Analysen von Lecouteux liegt auf germanischenund skandinavischen Materialien, hier spielt etwa auch Island eine besonde-re Rolle, aber seine Beobachtung gilt auch dem baltischen und slawischenRaum.
Das vorliegende Buch zeigt folgende Grundeinteilung: I. Un univershanté; II. Conquête et défense du sol; III. Survivances et transformations.
Es geht dem Autor nicht nur um eine Darstellung der einzelnen Gestaltenim äußeren Auftreten, sondern ebenso um ihre wesentliche Funktion und dieVerbindung mit rituellen Formen und Gebräuchen. Mit Akribie wird denunterschiedlichsten Erscheinungen nachgegangen, nicht nur den Gespen-stern und Dämonen, ebenso finden etwa auch die ,, Wilden" Glossar ::: zum Glossareintrag ", die Waldmen-schen Berücksichtigung. Hier wäre nun die Frage zu stellen, wieweit allesan Typen, was dem Menschen in seinem lokalen Bereich fremd ist, nichtleicht dämonisiert werden kann? Beispiele dafür haben wir ja schon aus demfrühen Mittelalter.
Im zweiten Abschnitt geht Lecouteux nicht nur auf den Teufelspakt ein,sondern er beschreibt und hinterfragt auch die Riten, die dabei Anwendungfinden und die äußerlich gleich- doch verschiedene Funktionen aufweisenkönnen, wie etwa die ,, Circumambulation" als Mittel des Zitierens undEinschließens oder als Abwehr und Ausschließen böser Mächte.
Es geht in diesem Abschnitt auch öfters um die Ortsgebundenheit dämo-nischer Gestalten( wie sie uns ja bereits aus dem Alten Testament vertrautsind).
Dem Problem des ,, sacer" in der paradoxen Unterschiedlichkeit von,, geweiht“ und„ ,, verflucht“ trägt der Autor in einem Kapitel„, Le circulaireet le rectangulaire: une hypothèse" Rechnung. Auf S. 141 präzisiert Lecou-teux seine Meinung und belegt sie mit Skizzen. Zweifellos ist diese Hypo-these von bestimmten Formen für Heiliges und Dämonisches der Überle-gung wert, der Rezensent vermag jedoch nicht dazu eine klare Stellung zubeziehen. Man müßte vielleicht auf noch breiterer Basis diese Frage unter-suchen. Für Skandinavien mag sie freilich Gültigkeit besitzen.