Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
Seite
230
Einzelbild herunterladen
 

230

Literatur der Volkskunde

ÖZV XLIX/ 98

Chanukka. Begleitveröffentlichung zur Ausstellung Weihnukka( 17.11.1994bis 27.2.1995) im Jüdischen Museum der Stadt Wien. Wien, 1994, 33 Seiten,zahlr. Farbabb.

Eingeteilt in zwei große Abschnitte, informiert diese Veröffentlichungüber die religionsgeschichtliche Grundlage des Chanukkafestes und dieBrauchpraxis, speziell bei den assimilierten Juden der europäischen Moderne.Ausführlich sind die vielfältigen legendären und historischen ,, Fest- Gründeaus den apokryphen Makkabäerbüchern zitiert und ausgewertet. Diese Viel-schichtigkeit schafft eine gewisse Flexibilität in der Gestaltung des Festes, das,wie hier eindrucksvoll gezeigt wird, in unterschiedliche kulturelle Bedingungenund ideologische Systeme eingepaẞt werden kann und konnte.

Im ersten Kapitel mit der kuriosen und bezeichnenden Überschrift ,, Cha-nukka- Weihnukka" wird eindrucksvoll gezeigt wie Chanukka im 19.Jahrhundert in den Sog des Weihnachtsfestes geriet. Dabei erleichtertenrituelle Ähnlichkeiten zum im 19. Jahrhundert als populäres Familienfestausgestalteten Weihnachtsfest die Annäherung ebenso wie die vergleichs-weise geringe liturgische Bedeutung Gestaltungsspielraum fürs jüdische,, Fest des Lichtes" gab. Plastisch wird diese Affinität zum Weihnachtsfestim Katalog begründet mit jüdischer Sympathie für die Charakteristika desWeihnachtsfestes: Familienromantik, gutes Essen, Geschenke und das Gan-ze zu Ehren der Religion. Eine der christlichen Verweltlichung im 19.Jahrhundert entsprechende jüdische Säkularisierung und die Akkulturationan dieu.a. mit zunehmender Begeisterung Weihnachten feiernde Um-welt tat ein übriges zur Umgestaltung des Chanukkafestes; diese ging biszur Bevorzugung des Weihnachtsfeierns und Ignorierens des Chanukkafe-stes. Ähnlich wie an der Gestaltung des Weihnachtsfestes wird auch beiChanukka deutlich, welch mächtigen Einfluß die Bedingungen des sozialenLebens auf die Festgestaltung haben. So wandern beim Chanukkafest je nachgesellschaftlicher Position der jüdischen Bevölkerung- von Separierung bisVerschmelzung die Lichter ins uneinsehbare Hausinnere oder auf denWeihnachtsbaum. Unter reformbewegten Juden im wilhelminischen Kaiser-reich wurde die Festgestaltung kontrovers diskutiert: Die Positionen reich-ten von der Abschaffung des Chanukkafeierns bis zu entschiedener Förde-rung, weil bereits so viele Juden, wie auch Theodor Herzl, Weihnachtenfeierten. Besonders interessant scheint eine Zwischenposition, wonach litur-gische Inhalte abgelehnt werden sollten, die der Rückkehr ins Land Israelverbunden sind und als Zeichen von Illoyalität der jüdischen Staatsbürgerhätten interpretiert werden können. Heute läßt sich in den USA beobachten,wie sich soziale und ökonomische Gegebenheiten auf die, benachbarten"Festtermine auswirken, und daß nun, nach Gründung des Staates Israel,gerade letzterer Aspekt dem Fest besondere Kontur gibt.