1995, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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etwas bei uns ganz Besonderes, vergleichbar dem( Kürbis-) ,, Kernöl“ unddem ,, Heidensterz Glossar ::: zum Glossareintrag Heidensterz“, nämlich auf den„, Kest'nhonig“, den die ,, Beinvögel"von den im Juli erst üppig blühenden Edelkastanien den Imkern einbringen,wie ihn meine Kinder und Enkel und manche Freunde gerade bei dem pikantbittersüßen Geschmack so sehr lieben. Sonst aber möchte ich mir noch mehrsolcher Einzeluntersuchungen für eine kulturhistorisch vergleichendeVolkskunde wünschen, wie sie hier dem Südtiroler Bernd D. Insam inMünchen geglückt ist.
Leopold Kretzenbacher
GYR, Ueli( Hg.), Soll und Haben. Alltag und Lebensformen bürgerlicherKultur(= Festgabe für Paul Hugger zum 65. Geburtstag). Zürich, OffizinVerlag, 1995. 260 Seiten, zahlr. s/ w- Abb.
Der Zürcher Volkskundler Paul Hugger, gerade inmitten vielfältigsterForschungs- und Veröffentlichungstätigkeit emeritiert, zählt zu jenen, diestets den Einbezug bürgerlicher Kultur in die lange und gerne auf Unter-schichten fixierte volkskundliche Forschung gefordert und auch eingelösthaben. In seinem Überblick ,, Zu Geschichte und Gegenwart der Volkskundein der Schweiz“ im ,, Handbuch der Schweizerischen Volkskultur( Zürich1992, vgl. ÖZV XLVII/ 96, H. 1, S. 58- 60 und ÖZV XLVIII/ 97, H. 2,S. 97112) etwa hielt er programmatisch fest:„ Die Lebensweise desBürgertums war, einem allgemeinen Trend folgend, mit einem Anathemabelegt; seine Kultur galt als zu elitär, als naturfern und zivilisatorischverstiegen, ganz zu schweigen von aristokratischen Lebensformen. Damitwurde die Gesellschaft willkürlich amputiert, man verlor die Dimensioneneiner gesamtgesellschaftlichen Analyse, Einseitigkeiten kennzeichnetenviele Untersuchungen, das Augenmerk für Wechselwirkungen zwischen deneinzelnen Kulturbereichen ging verloren.“( S. 31) Im Wissen um dieseszwar weitgehend erkannte, aber mit Sicherheit nach wie vor existenteManko und einem der Arbeitsschwerpunkte des Jubilars folgend, hat nunUeli Gyr, Nachfolger auf dem Zürcher Lehrstuhl für Volkskunde, eineFestgabe zusammengestellt, die sich dezidiert der bürgerlichen Kultur an-nimmt, ihre normativen und materiellen Aspekte ins Auge faßt und die Sacheso angeht, wie sie wohl nur angegangen werden kann: interdisziplinär undmehr oder weniger fallbeispielhaft.
Ueli Gyr hat eine hilfreiche Einleitung verfaßt, die den Standort volks-kundlicher Bürgertumsforschung verortet und die vorgetragenen Sicht- undAnnäherungsweisen einzuordnen hilft, fünfzehn Beiträger aus der Schweiz,aus Deutschland, Frankreich und Österreich haben sich beteiligt. Nicht alles