1995, Heft 2
Literatur der Volkskunde
221
Eigenheim Österreich, ein ungekannt pfiffiger Band, der über das Inter-esse am Thema hinaus vor allem aus zweierlei Gründen besticht. Zum einenwegen seiner Art mit Bildern zu verfahren, zum anderen aufgrund einerLiebe zum Detail, die dabei dank der imaginationsfreudigen SpracheKos' die Synthese mit dem großen Ganzen der politisch kulturellen Ent-wicklung nach 1945 nicht aus den Augen verliert.
Bernhard Tschofen
RAFF, Thomas, Die Sprache der Materialien. Anleitung zu einer Ikono-logie der Werkstoffe(= Kunstwissenschaftliche Studien 61). München,Deutscher Kunstverlag, 1994. 146 Seiten.
Intensiver als in den vorausgehenden Jahrzehnten widmen gegenwärtigkulturhistorische Studien ihre Aufmerksamkeit den Wechselbeziehungenzwischen den Menschen und den Dingen. Dabei haben ältere Überlegungenzu diesem Thema, wie sie beispielsweise Georg Simmel in seiner ,, Philoso-phie des Geldes"( 2. verm. Aufl. von 1907) vorlegte, wiederum Aktualitäterlangt; auch wurden die in das Grundsätzliche weisende Bemerkungen vonHannah Arendt über die Bedeutung von Gegenständen für die Erinnerungoder generell für die Stabilität menschlicher Existenz² erneut zur Diskussiongestellt. Um Einsichten in die Relation zwischen Bewußtseinsprozessen undden durch ihre Konkretheit wie durch ihre Dauer ausgezeichneten Sach-objekten bemühen sich unterschiedliche Wissenschaftszweige, die Soziolo-gie- indessen nicht nur mit dem in der Volkskunde gelegentlich genutztenetwas eindimensional und undifferenziert daherkommenden Band von JeanBaudrillard über ,, Das System der Dinge“ ³- oder mit eingehenden Analysenauch die Psychologie4. Allgemein sind die über den instrumentalen Charak-ter der Dingwelt hinausreichenden Aspekte, ihre Einbindung in Wert- undNormenordnungen oder in Zeichensysteme, weiterhin die mentalen undaffektiven Prädispositionen im Umgang mit Sachen verstärkt in das Blick-feld gerückt worden, während gleichzeitig ohnehin die Kategorien derBedeutung und der Symbolisierung in umfassendem Sinne bei der Erkun-dung der Kultur der Vergangenheit ein zunehmendes Gewicht erhaltenhaben.5
Die Volkskunde hat zu diesen Fragen schon lange wichtige Beiträgegeleistet. In dieser Zeitschrift ist vor allem an die Anregungen, die LeopoldSchmidt in materialreichen Untersuchungen bot, zu erinnern. Während dieStudien, die der Gelehrte Erscheinungsformen der Gestaltheiligkeit widme-te, allenthalben auf Vorbehalte treffen mußten, hat seine Abhandlung über,, Heiliges Blei“ weiterführende Diskussionen ausgelöst. Insbesondere ha-