1995, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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KOS, Wolfgang, Eigenheim Österreich. Zu Politik, Kultur und Alltagnach 1945. Wien, Sonderzahl Verlag, 1994: 172 Seiten, s/ w- Abb.
Eigenheim Österreich heißt ein rechtzeitig vor den Gedenktagen zuKriegsende, fünfzig Jahre Zweite Republik und vierzig Jahre Staatsvertragerschienener Essayband des Publizisten und Historikers Wolfgang Kos. Indrei Texten verfolgt er die Leitmotive und Symbolbilder der erfolgreichen,, Österreich- Konstruktion“ nach 1945. Wie es gelang, mit öffentlicher Bild-kommunikation und Politallegorie das Programm Konsolidierung, das Idealeines zukunftsfrohen Kleinstaates plausibel zu machen, das ist die Frage, dieKos auszuloten versucht. Oder: Wie fand das Land seine Hausordnung, wieseine( neuen) nationalen Mythen und Symbole?
Als erstes lernte die Republik zu vergessen: mit der antifaschistischenAusstellung ,, Niemals Vergessen!". Der Schau, die in ihren Grundzügenbereits Mitte Mai 1945 konzipiert war, aber erst eineinhalb Jahre spätereröffnet werden konnte, widmet Kos das erste der drei Kapitel( ,, Die Schaumit dem Hammer"). Die Änderungen der Konzepte sprechen eine deutlicheSprache, am Ende präsentierte sich das Projekt ganz im Sinne der ,, Konsens-und Kartellpartner der neu fundierten Republik“: Das nationalsozialistischeDeutschland als alleiniger Täter, Österreich als erstes Opfer und unterAussparung der heiklen Zeit des Austrofaschismus( 1934- 1938). Gestalte-risch hielt man sich an die Propagandagraphik der Zwischenkriegszeit. Unterder Regie des kommunistischen Stadtrates für Kultur und Volksbildung ViktorMatejka und des sozialdemokratischen Volksbildners und Bildagitators VictorTheodor Slama werkelten Professoren und Studenten der Hochschule für An-gewandte Kunst an monumentalen Wandbildern. Sie lieferten angewandteKunst im eigentlichen Sinne des Wortes: Viele von ihnen hatten wenige Jahrezuvor noch an nationalsozialistischen Propagandaausstellungen mitgearbeitetoder waren gar noch maßgeblich am politischen Design des Ständestaatesbeteiligt gewesen. Gewaltige Dioramen mit Leitmotiven wie„, Bilanz desKrieges" ,,, Lüge Verrat Gewalt" oder ,, Wiederaufbau ist Antifaschismus“ folg-ten einer dezidiert österreichischen Perspektive: Wie ein Mahnmal kollektivenLeidens erscheint der Stephansdom im Bild, wie fremde Geister fahren Kriegs-furien Karikaturen der NS- Größen- über das geschundene Land und wiePhönix aus der Asche erheben sich tatkräftige Männer und Frauen aus demSchutt der nationalsozialistischen Hinterlassenschaft.
Kos' Interesse gilt vor allem dem Menschenbild, das der Ausstellung grund-gelegt wurde und zumindest für das nächste Jahrzehnt seine Gültigkeit besitzensollte: Man sieht den virilen Maurer, das hilfreiche Mörtelweib Glossar ::: zum Glossareintrag Mörtelweib bei der Auf-bauarbeit und man sieht auf dem Ausstellungsplakat- den Mann mit demHammer, einen roten Riesen, der das am Boden liegende Hakenkreuz zer-schlägt. Anonymer hingegen blieben die Opfer: Beschworen wurde die KZ- Ge-