Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLIX/ 98, Wien 1995, 196- 214
Chronik der Volkskunde
Der eiserne Faden
Rastelbinder und ihre Waren. Drahtbinderarbeiten aus EuropaSonderausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde7. April bis 17. September 1995
Nach der in hohem Maße kontextorientierten Sonderausstellung ,, Sach-geschichten" vom Herbst 1994 zeigt das Österreichische Museum für Volks-kunde heuer wieder eine mehr objektbezogene Ausstellung, die sich einemklassischen Thema der europaweit verbreiteten, alltäglichen und festlichenGebrauchs- und Volkskunst, der Drahtbinderei, zuwendet. Unter dem Titel,, Der eiserne Faden" kommen die Produkte einer vergangenen Berufsgruppezur Darstellung, welche in der ehemaligen österreichisch- ungarischen Mon-archie unter der Bezeichnung ,, Rastelbinder“ bekannt war. Die Ausstellungist Teil einer europäischen Wissenschafts- und Museumskooperation inZusammenarbeit einschlägiger Facheinrichtungen in den drei LändernFrankreich, Slowakei und Österreich.
Die aus etwa 650 Objekten bestehende Ausstellung wurde auf der Grund-lage der französischen Privatsammlungen von Jean Louis Ménard undDaniel Rozensztroch, Paris, unter Hinzuziehung von Leihgaben des Muse-ums der Region Považie in Žilina, Slowakei, dem Ursprungsland der Draht-binderei, sowie mit Ergänzungen aus den Beständen des ÖsterreichischenMuseums für Volkskunde in Wien erarbeitet und gemeinsam mit demAusstellungspartner Scènes sur Seine, Paris, organisiert.
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Die Schau befaßt sich mit einem relativ geschlossenen ThemaDrahtbinderei, mit einem einzigen Material nämlich Eisendraht-, mitmehr oder weniger einer Technik- dem Binden und Flechten dieses Drah-tes-, aber mit einer unglaublichen Fülle von Varianten und einer erstaunli-chen handwerklichen Kreativität, die man gerade im Zusammenhang miteinem derart unscheinbaren Gewerbe nicht erwartet hätte.
Die ästhetische Anmut der Objekte ist aber nur eine Seite des Themas, diefasziniert und interessiert. Die andere ist die Frage nach dem kultur- undwirtschaftshistorischen Hintergrund dieses Genres, die bekannten Fragennach dem woher, warum, wann und wo eines heute ausgestorbenen Berufs-zweiges, der aber durchaus noch in der Erinnerung präsent ist. Wer hat nichtals Kind den entsetzten Ruf seiner Mutter gehört: ,, Du schaust aus wie einRastelbinder!"