Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
Seite
185
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLIX/ 98, Wien 1995, 185- 195

Mitteilungen

Sonderausstellung des Österreichischen Museums fürVolkskunde in Wien: 150 Jahre Josef Pommer( 1845-1918),5. März bis 23. April 1995

Von Walter Deutsch

Wir feiern mit einer Ausstellung den 150. Geburtstag Josef Pommers, desBegründers der Volksmusikforschung und Volksliedpflege in Österreich.Da Josef Pommer auch ein zutiefst politischer Mensch war, müssen wirseine Aussagen, sein Tun und Wirken aus den Bedingungen seiner Zeitverstehen und die geistige Situation berücksichtigen, die ihn geprägt hat.

In der ersten der vier Abteilungen unserer Ausstellung begegnen wir demMenschen Josef Pommer, seiner Herkunft, seinem Werdegang, seiner Bil-dung und seinen Ideen. Hier werden wir mit dem, deutschnationalen"Gedankengut konfrontiert, das für Josef Pommer in folgender Begründungseine Ursache hatte: ,, Die Deutschen in Österreich und die Deutschen imReiche sind heute[ 1885] noch große Kinder." I

Im Vielvölkerstaat Österreich verglich er das schwache nationale Be-wußtsein der deutschsprachigen Bevölkerung mit dem starken nationalenDenken der anderen Völker. Er empfand die Deutschen in der Monarchie alseine politische Minderheit, obwohl diese in Wirtschaft und Kultur dieMajorität bildete. Mit Hilfe des Volksliedes wollte er das fehlende nationaleBewußtsein stärken: Volksliedersingen als politische Bildungsaufgabe!

Letztlich war das Politische auch das auslösende Moment für seinenFreitod im November 1918, als kurz zuvor Kaiser Karl I. auf den Thronverzichtete und am 12. November 1918 die Gründung der ,, Republik Deutsch-Österreich verkündet wurde. Noch viel stärker wirkte auf den ,, aufrechtenDeutschen in Österreich", Dr. Josef Pommer, der Zusammenbruch desDeutschen Reiches, verbunden mit der Aussichtslosigkeit, seine Arbeit fürdas ,, Deutsche Volkslied" noch weiter fortsetzen zu können. Eingebundenin seiner erstarrten Ideologie fand er für sich keinen Weg, zur Wirklichkeitseiner Tage zurückzukehren. Am 26. November 1918 rief er in Gröbmingim Ennstal den Tod durch Selbstmord herbei.

1 In: Pommer, Josef: Ueber die politischen Bedürfnisse und Pflichten der Deut-schen in Österreich. Graz 1885, S. 4.