Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
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Uwe Claassen

ÖZV XLIX/ 98

Bilder von Menschen und von Stuben

Jessens Œuvre kann im wesentlichen in Bilder von Menschen undBilder von Stuben eingeteilt werden. Daneben hat er auch Bilder füreinige Kirchen gemalt. Seine Haupteinnahmequelle waren zunächstPorträtarbeiten. Dabei handelt es sich um kleine Bleistiftzeichnungenaber auch um Ölbilder, wie zum Beispiel ein großes Gruppenporträt derFamilie Heynsen von 1871( Abb. 1). Auffällig ist, wie großbürgerlich-städtisch sich die Porträtierten, die in den feuchten und unwägbarenMarschgebieten lebten, hier in Kleidung und Ausstattung geben. Dane-ben fertigte Jessen auch eine ganze Reihe von Porträtstudien an, die erbis zu seinem Tod behalten hat und als Vorlagen für seine historisierend-regionalen Kompositionen mit ländlichen Motiven nutzte. Ein Beispielhierfür ist das ,, Friesische Thinggericht von 1875( Abb. 2), das denBeginn seiner sich langsam entwickelnden Karriere als Heimatmalermarkiert. Identifizierbare Bewohner Deezbülls, Zeitgenossen von Jes-sen, sind hier in ein Thema gestellt, das wohl an nordfriesische Eigen-heiten gemahnen sollte. Jessen wählte mit dem Thinggericht jedoch eineForm, die so längst nicht mehr existierte und die sicher auch nie imdorföffentlichen Rahmen vor alt und jung vorgekommen war. Zudemhandelt es sich um eine bühnenartig aufgebaute Gruppe, die in ihrerGröße-50 Personen- so nicht in einen nordfriesischen Pesel hineinge-paẞt hätte. Das Bild wurde vom Kunstverein in Kiel angekauft und eingroßer Erfolg für Jessen. Von diesem beflügelt, malte er ohne seinenStil jemals zu ändern- mit wachsendem Erfolg weitere Personenbilder,in denen oft religiöse Themen oder einfache Genreszenen im Mittel-punkt stehen. Als Titel seien hier nur Haustaufe, Hausandacht, Sonntagmorgen vor der Kirche oder, Der Mann mit der Rechnung,,, Der Kaffeebesuch,, Großvater und Enkelin" und Jessens bekannte-stes Bild ,, Die Gemeinderatssitzung" genannt.

Etwas genauer möchte ich auf eine Reihe von Stubenbildern ein-gehen, wie sie im eingangs zitierten Gedicht aus der Festschrift alsDokumente für das, was einst im Lande war, hervorgehoben werden.Jessen ging viel durch die Dörfer der Bökingharde und fertigte in denHäusern Zeichnungen und Skizzen an. Er interessierte sich für Detailswie Fachwerkverbindungen, für das Mobiliar oder die eisernen Bei-legeöfen. Er zeichnete ganze Stuben und fertigte sogar eine ganzeReihe von Aufrissen mit Maßangaben an, auf denen verzeichnet ist,von welchem Hof sie stammen. Es ist davon auszugehen, daß solche