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Bärbel Kleindorfer- Marx
ÖZV XLIX/ 98
gen, die in der Werkstatt verwendet wurden, zu erleichtern. Auf einerSeite, das heißt innerhalb weniger Monate, wurden 1902 unter derSparte ,, Buffets& Kredenzen“ folgende Stilbezeichnungen von Lie-ferungen festgehalten:„, gotisch einfach, englisch, renaissance ein-fach, gotisch, renaissance, modern, Bauernstil, romanisch, modernerBauernstil, modern- vlämisch mit Einlagen, Biedermeier“. Im Zeital-ter des späten Historismus konnten alle diese Stile gleichzeitig auf-gerufen werden, es entstand eine anregende Pluralität der Ausdrucks-formen, die auch den ,, Bauernstil“ einschloß.
Volkskunst als letzte Ressource
Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Historismus alle historischenStile wiederholt, die Verwendung immer anderer Versatzstücke ausverschiedenen Jahrhunderten kam zu ihrem Ende. Kunst und Kunst-gewerbe sehnten sich nach einem originären und zeitlosen Stil, denman einerseits in der Natur, andererseits in den scheinbar geschichts-losen Kunstäußerungen des Volkes zu entdecken glaubte. Volkskunstbot sich dem ausgehenden 19. Jahrhundert als letzte Ressource an,aus der Zitate für den Formenkanon geschöpft werden konnten. DieseAdaption der Volkskunst für das Kunstgewerbe folgte historistischenMustern. Neben der Natur wurde die Volkskunst zum ,, Jungbrunnenfür eine der raschen Modernisierung müde gewordene und zugleichdurch sie verschreckte und verängstigte Gesellschaft“, zum letztenRelikt aus vorindustrieller Zeit. Der Volkskunst wurden bestimmteWerte zugeschrieben, das ihr vermeintlich immanente Ursprünglich-Echte wurde zum Ideal. Die von den Kunsttheoretikern der Zeit alsfatal angesehene Trennung von Kunst und Handwerk, von Kopf- undHandarbeit, sah man in der Volkskunst aufgehoben, sie bot eine, Vision nicht- entfremdeter Lebensqualität vor dem Sündenfall Indu-strialisierung“. Mit dieser Bedeutung begabt, avancierte die wieder-belebte Volkskunst als Variante des Historismus zum Stil: ,, BemalteMöbel im Stile der Volkskunst“ wurden den Zeitgenossen als adäqua-te Einrichtung angeboten.
5 Köstlin, Konrad: Volkskunst und Volkskunde. Nachgetragene Liebe oder DieGeschichte einer Entfremdung. In: Kieler Blätter zur Volkskunde 22( 1990),S. 125 140, hier S. 127.
6 Köstlin, Volkskunst und Volkskunde( wie Anm. 5), S. 129.