Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
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1995, Heft 2 Mechanismen der Produktion und Rezeption von ,, Volkskunst"

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Kerb- und Flachschnitt ein charakteristisches Merkmal der Bauern-möbel und beschrieb diese Schnitzerei als volkstümliche Technik.

Den Entwurf für einen sparsam mit geometrischen Figuren undstreng stilisierten Blumenornamenten bemalten Schrank bezeichneteZell als ,, modernen Bauernstil. Die isolierten, schablonenhaftenDekore sind weit entfernt von dem der Volkskunst zugeschriebenen,, horror vacui. Der Bauernstil vervollständigte die Reihe histori-stischer Formenvielfalt, die alle Stilarten umfaßte. Neben die Rezep-tion historischer Stilformen trat gleichwertig die Rezeption scheinbarahistorischer Formen der Volkskunst. So wurden ,, Bauernmöbel" umdie Jahrhundertwende Teil des breitgefächerten Angebots der Möbel-fabrik Schoyerer.

Mehrfache Kompetenz in der Möbelproduktion

Dem Fabrikanten Andreas Schoyerer junior, der sich aufgrundseiner Ausbildung an führenden Kunstgewerbeschulen mehr alsKunstgewerbetreibender und Kaufmann denn als Schreiner verstand,war es bald nach der Übernahme der Firma im Jahr 1888 gelungen,den Kundenkreis über den Werkstattradius des Seniors hinaus erheb-lich zu vergrößern. Er lieferte hochwertige Innenausstattungen fürVillen in alle Teile Deutschlands und in das Ausland. In Cham hatteSchoyerer einen differenzierteren, vom Vater übernommenen Kun-denstamm zu bedienen. So wurden neben gehobenen Einrichtungenfür die Oberschicht auch schlichte Möbel gefertigt. Umänderungenund das Aufpolieren von Möbeln, Reparaturen und Möbeltransportevervollständigten die Liste der angebotenen Leistungen. Die Ge-schäftsbücher belegen eindrucksvoll das umfassende Leistungsver-mögen der Möbelfabrik, die Kompetenz auf den verschiedenstenGebieten bewies.

Die angedeutete mehrfache Kompetenz Schoyerers in der Möbel-herstellung korrespondierte mit dem Vermögen, in allen Stilartenversiert zu sein. Die Verkaufsbücher lassen das Spektrum der Formenund Stile der Produktion Schoyerers um die Jahrhundertwende deut-lich werden. Ein Beispiel für den historistischen Umgang Schoyerersmit den Stilformen gibt das ab 1897 geführte ,, Zeichnungsbuch, indem die Nummern der Möbelzeichnungen, dazu die Auftraggeber unddie Stilrichtung, notiert sind, um das Auffinden der Werkzeichnun-