Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
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Bärbel Kleindorfer- Marx

ÖZV XLIX/ 98

verlor sich, das assoziative Verfügen über die Stile gipfelte in einemeklektisch freien Spiel mit den Formen. Die Repetition der Stilevollzog sich nicht in ihrer geschichtlichen Abfolge, sondern im plu-ralistischen Nebeneinander.

Zell adaptierte standardisierte Formen der Gotik und der Renais-sance, des Barock und des Klassizismus. Seine Entwürfe für Büffets,repräsentative Speisezimmerschränke, zeigen gotische Motive wieSpitzbögen, Maßwerk, Fischblasen und geschnitzte Wappenschilde.Lavabos und Standuhren erinnern in knorpeliger Wuchtigkeit an dieRenaissance. Steiflehnige Stühle stehen in holzvertäfelten Stuben,überspannt von gotischen Gewölben. Durch Einzeichnen wenigerAccessoires verstand Zell es, in seinen Entwürfen gemäß den Ge-schmackskonventionen der Zeit Ritterromantik und, altdeutsche"Stimmung anklingen zu lassen: blankgeputztes Zinngeschirr undSchenkkannen stehen auf den Büffets. Deckelpokale und Kelchgläserschmücken die Humpenbretter. Ahnenporträts, ausgestopfte Wappen-vögel und Schiffsmodelle hängen an den Wänden.

Zell entwarf auch ,, Bambus-, japanische und maurische Möbel",ganz dem zeitgenössischen Geschmack an exotischer Glossar ::: zum Glossareintrag  exotischer Verfremdungfolgend. Seit der Wiener Weltausstellung im Jahr 1873 hatte ostasia-tisches Kunsthandwerk den Weltmarkt überschwemmt. Der Stil derOstasiatica beeinflußte das europäische Kunstgewerbe. Die Berüh-rung mit dieser Kunst führte zur Übernahme exotischer Glossar ::: zum Glossareintrag  exotischer Versatzstückein den Stilpluralismus.

Bei der freien Synthese verschiedenster Stilzitate griff die üblicheNomenklatur der Stile bald nicht mehr. Neben den historischen Stil-benennungen benutzte Zell die Begriffe ,, englischer Stil und, mo-derner Stil" für seine Entwürfe. Zells ,, moderne" Interieurs zeigendie geschwungenen Linien und die ornamentalen Blatt- und Blumen-spielereien des Jugendstils, die hier als Intarsia, Malereien, Schnitze-reien oder in metallene Beschläge umgesetzt erscheinen.

Zahlreiche Möbelentwürfe Zells geben Schnitzereien in den Tür-füllungen von Schränken und Büffets, an den Gesimsen von Schrän-ken und an Stuhllehnen vor und verraten Zells Kenntnisse gotischerFlachschnitzereien. Die Lehne eines Sessels mit dreieckiger Sitzflä-che, der an die westfälischen Dreipfostenstühle des 18. Jahrhundertserinnert, ist mit Flachschnitzerei versehen. Die Schnitzereien wirkenwie Adaptionen der Ziertechniken ländlicher Möbel. Die beginnendevolkskundliche Sachkulturforschung der Jahrhundertwende sah in