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Bärbel Kleindorfer- Marx
ÖZV XLIX/ 98
Die in der Volkskunde akzeptierte These, daß im Verlauf des Histo-rismus, nachdem die historischen Stile durchdekliniert worden wa-ren, schließlich auch Volkskunst als Stil entdeckt, ja geradezu ,, erfun-den" worden sei, kann anhand der Zusammenarbeit zwischen demMünchner Architekten, der vor allem durch Bauten im Heimatstilbekannt wurde, und dem Chamer Fabrikanten Andreas Schoyererjunior, der aufgeschlossen und interessiert die zeitgenössische Debat-te der Kunstgewerbebewegung verfolgte, belegt werden.
Franz Zell als Möbelzeichner
Franz Zell gehörte zum Kreis der Architekten und Kunstgewerbe-treibenden, die 1902 in München den„, Verein für Volkskunst undVolkskunde“ gründeten. Ziel des Vereins war die Erforschung und dasSammeln ,, alter Volkskunst“. In der seit 1903 unter der SchriftleitungZells erscheinenden Vereinszeitschrift ,, Volkskunst und Volkskunde"wurde diese entdeckende Beschreibung von Volkskunst begleitet voneinem Plädoyer für eine Revitalisierung der Volkskunst durch daszeitgenössische Handwerk. Der berufliche Werdegang Zells- nacheiner Schreinerlehre hatte er Architektur studiert- galt seinen Zeit-genossen als die oft gewünschte Wiedervereinigung von Kunst undHandwerk in einer Person und prädestinierte ihn, das bürgerlicheInteresse an der Volkskunst als Vorbild für das Kunsthandwerk einer-seits zu formulieren, andererseits aber auch umzusetzen. Das Sam-meln und Darstellen von Volkskunst in Museen, gepaart mit Bemü-hungen um die Revitalisierung des alten Handwerks, wurden Zell, dersich selbst für Thieme- Beckers Künstlerlexikon als ,, Folklorist" be-zeichnete, zur Grundlage seiner Entwurfstätigkeit für Möbel. So warZell nicht nur einer der Protagonisten der konservativen Volks-kunstbewegung, sondern er versuchte sich auch selbst an der von ihmeingeforderten Umsetzung der Volkskunst in zeitgenössische Entwür-
fe.3
In Fachzeitschriften, u.a. im ,, Deutschen Schreinerkalender“, in-serierte Zell sein ,, Zeichen- Bureau für Bau- und Möbelschreinerei",in dem Skizzen, Detail- und Werkzeichnungen gefertigt wurden. In3 Zells Bedeutung für die um 1900 beginnende Erforschung der Sachkultur unddes bäuerlichen Hausbaus ist bereits mehrfach beschrieben worden. Über seineTätigkeit als Möbelzeichner und Entwerfer war bisher nichts bekannt.