Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLIX/ 98, Wien 1995, 139–157
Mechanismen der Produktion und Rezeption
von ,,
Volkskunst"
Entwürfe Franz Zells für die Möbelfabrik Schoyerer
Von Bärbel Kleindorfer- Marx
Um die Jahrhundertwende entwarf der Münchner Architekt FranzZell( 1866-1961), den Volkskundlern als Herausgeber von Bildbän-den über Trachten, Bauernmöbel und Bauernhäuser, als ,, Sammlerländlicher Altertümer" und als Gestalter zahlreicher Heimatmuseenund Volkskunst- Ausstellungen bekannt, neben Möbeln im Stil desHistorismus auch ,, Bauernmöbel" für die Produktion der Möbelfa-brik Schoyerer in der Stadt Cham im Bayerischen Wald. Das heute invierter Generation von der Familie Schoyerer geführte Unternehmenfür Möbelhandel und Möbelproduktion hatte sich im Zuge der Indu-strialisierung Ende des 19. Jahrhunderts rasch von einer 1850 gegrün-deten kleinen Schreinerwerkstatt zu einem modernen Fabrikbetrieb,ausgestattet mit den Errungenschaften der Moderne, als deren Ikonedie neu angeschaffte Dampfmaschine verstanden werden kann, ge-wandelt. Ein eigenes Zeichenbüro im 1895 erbauten Fabrikgebäude,in dem neben dem Firmeninhaber zwei angestellte Kunstgewerbe-zeichner arbeiteten, betonte die gewandelte Bedeutung des Möbelent-wurfs für die Produktion und signalisierte gleichzeitig die Trennungvon Kopf- und Handarbeit.
Am Beispiel der Möbelentwürfe Franz Zells für Schoyerer könnenjene Mechanismen deutlich gemacht werden, die um 1900 die Um-setzung der von der Kunstgewerbebewegung heftig geforderten Re-vitalisierung von Volkskunst in Möbel im„ Bauernstil“ bewirkten.
1 Zell, Franz: Bauernhäuser und volksthümliche Hausmalerei im BayerischenHochland. Frankfurt am Main 1899. Ders.: Bauern- Möbel aus dem bayerischenHochland. Frankfurt am Main 1899. Ders.: Bauerntrachten aus dem bayerischenHochland. München 1903.
2 Deneke, Bernward: Franz Zell als Sammler ländlicher Altertümer. In: Bayeri-sches Jahrbuch für Volkskunde 1972- 1974( 1975), S. 116- 125.