Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLIX/ 98

als ,, Verrücktheit wird manchmal auch die Übertreibung bezeichnet. Nurein einziges Sprichwort hält den Narren für nützlich( es folgen noch Anga-ben zur Terminologie des Verrückten, zu geographischen Präferenzen undHäufigkeit der Namensformen). Vom ,, weisen Narren" des Mittelalters undder frühen Neuzeit weiß das griechische Volkssprichwort nichts zu berich-ten. Wie im Schwank ist auch im Sprichwort der ,, Narr" auf seinen mentalenDefekt reduziert und kennt keine sozialen Schranken; er ist in die Dorfso-zietät integriert, hat eine Art ,, soziale Rolle" inne; sein abweichendes Ver-halten stärkt die soziale Norm, seine Negativfigur ist didaktisch und unter-haltsam zugleich. Die Häufigkeit und Vielfalt der Schwankliteratur um denNarren weist auf die funktionale Vielfalt dieser Kontrastfigur in den funk-tionierenden Kleingruppen. Der Verfasser bemerkt im Epilog, daß sich dieAnzahl dieser Sprichwörter noch vervielfachen ließe. Stupidität und Clever-ness bilden so etwas wie prinzipielle Polaritäten menschlicher Verhaltens-möglichkeiten in sozialen und kommunikativen Situationen. Ein französi-sches Résumé, ein Abkürzungsverzeichnis sowie die Bibliographie und einGeneralindex( auch eine Übersichtskarte) beschließen das sympathischeBändchen.

Walter Puchner

IMELLOS, Stefanos D., Aaoypaçıкá B'[ Volkskundliches II], Пolкíha[ Verschiedenes]. Athen, Selbstverlag, 1992. 360 Seiten, 8 Abb. auf Taf. und9 Abb. im Text, 2 Verbreitungskarten.

Der Athener Volkskundeprofessor Stefanos Imellos führt die Sammlungund Reedition seiner Studien fort. Nach dem ersten Band über Sagen( 1988,vgl. meine Besprechung, ÖZV 93, 1990, S. 105–107) folgen nun als Band2 Miszellen. Die Studien entstammen sehr unterschiedlichen Zeiträumen( reichen bis vor 1960 zurück) und sind nur leicht überarbeitet( biblio-graphische Zusätze in den Fußnoten sind eher selten); vor allem die geogra-phische Konzentration auf Inselgriechenland( vor allem die Kykladen undseine Heimatinsel Naxos) führen wiederum zu teilweisen thematischenÜberlappungen. Darauf weist der Verfasser selbst in einer kurzen einleiten-den Notiz hin. Die erste Studie beschäftigt sich mit dem Sagenmotiv derMetamorphose aufgrund drohenden Inzests in einer Legende um die Hl.Barbara( S. 7-12; Erstveröffentlichung Athen, 1989, in einem Sammelbandzum Jubiläum des Metropoliten von Patras Nikodemos, S. 347-352): derheidnische Glossar ::: zum Glossareintrag heidnische Vater will sich die schöne christliche Tochter zur Frau nehmen,auf ihre Weigerung hin will er sie köpfen lassen; ihrer Bitte gemäß verwan-delt sie Gott in einen Lorbeerbaum. Die Legende aus Naxos wird mit dem