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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLIX/ 98
vergangenen Jahr die seit 1938 verschollenen Bestände des 1895/96 gegrün-deten Wiener Jüdischen Museums wieder ans Tageslicht kamen, mag denGedanken bestärkt haben-, aber das neue Jahrbuch füllt eine viel größereLücke. Die Einleitung benennt sie als die Konzentration auf Themen ,,, diesich unmittelbar mit den Objekten im Jüdischen Museum, mit ihrer Ge-schichte und mit Fragen ihres musealen Wandels beschäftigen“( S. 7). InWirklichkeit bietet das neue Organ für die jüdische Kulturgeschichte wie fürdie gesamte Museologie Anregung in kaum gekanntem Maẞ.
Bernhard Tschofen
LANG, Barbara, Unter Grund. Ethnographische Erkundungen in derBerliner U- Bahn.(= Studien& Materialien des Ludwig- Uhland- Instituts derUniversität Tübingen, Band 14). Tübinger Vereinigung für Volkskunde,1994, 167 Seiten, Abb.
Berliner Großstadtvolkskunde- das ist beinahe ein Pleonasmus, auch infachhistorischer Hinsicht. Die Erinnerung an Ingeborg Weber- KellermannsVersuch einer ,, Stammescharakteristik“ des„, Berliners" im Rahmen ihrerMarburger Antrittsvorlesung anno 1963( Hessische Blätter für Volkskunde56/1965) oder an den zwanzig Jahre später in Berlin tagenden 24. DeutschenVolkskunde- Kongreß, der erstmals explizit metropolitane Aspekte empiri-scher Kulturforschung thematisiert hat( Kohlmann/ Bausinger: Großstadt[=Schriften des Museums für Deutsche Volkskunde Berlin, 13]. Berlin, 1985),genügt, um Berlin, dieses ,, Exerzierfeld der Moderne", als bewährten Bodenkulturwissenschaftlicher Forschungspraxis auszuweisen. In ihrer 1992 ab-geschlossenen, nunmehr in den Tübinger ,, Studien& Materialien" veröf-fentlichten Magisterarbeit nähert sich Barbara Lang dieser Stadt von ihrerKehrseite und betrachtet das Berliner U- Bahnnetz als ,, Wahrnehmungs- undErlebnisraum", geleitet von der Prämisse, daß der städtische Untergrundnicht nur Spiegelbild der oberirdischen Stadtstrukturen ist, sondern in ihm-dem sie die Qualität des Außerordentlichen, eines ,, modernen, metropolita-nen, Hades" attestiert- ,, urbane Spezifika besonders deutlich wahrnehm-bar und erfahrbar sind".
Die Besonderheit des Fortbewegungsmittels U- Bahn liegt, so die These,in der Eroberung bisher unbekannter, nicht nur topographischer, Dimensio-nen: Die Inbetriebnahme der 1902 eröffneten Berliner Hoch- und Unter-grundbahn( nach London, Budapest und Paris die erste des deutschsprachi-gen Raumes), wie sie das Wachstum der Stadt, ihre angestiegene Bevölke-rungszahl erfordert hatten, signalisierte den Anbruch einer neuen Befind-lichkeit; der Aufenthalt im U- Bahnwaggon, das schnelle Tempo der Fortbe-wegung steht für neue individuell- subjektive Erfahrungen in einer veränder-