Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLIX/ 98

mittelalterlicher Zeugnisse auf Quellen des 18. Jahrhunderts( S. 105-108)oder gar auf noch spätere Sagenbildungen zurückgegriffen wird. H. Boock-manns Platitüde von den betrügerischen, Wunder vortäuschenden Machen-schaften der Priesterschaft( S. 75, Anm. 3), ein konfessionspolemischesStereotyp der Reformationszeit, gerät zur Interpretationsschablone, undwarum stellen Blutwunder eine ,, Modeerscheinung dar, wenn sich in Kärn-ten nur wenige nachweisen lassen( S. 141)? Nichts paẞt in diesem Elaboratzusammen, das seinen Leser in das Wechselbad schallender Heiterkeit undwütender Hilflosigkeit treibt. An Grabmayer scheinen nahezu alle Mindest-standards bisher erarbeiteter Kenntnisse und Methoden spurlos vorüberge-gangen zu sein, während Vorurteile und Spekulationen des 19. Jahrhundertsfröhliche Urständ feiern. Als seien keine anderen Heiligen in Kärnten verehrtworden, beschränkt er sich auf Kärntner Urgestein. Vom Einfluß Bambergs,das in diesem Gebiet über großen Grundbesitz verfügte, ist wenig die Rede,auch nicht von Prozessen des Frömmigkeitswandels und von Frömmigkeits-moden. Das Leitideal mittelalterlicher Frömmigkeit, die Passionsmystik unddie compassio, der leidende Christus als das imago pietatis schlechthin, dasdie reformatorischen Wirren unbeschadet überstand, findet mit keinem WortErwähnung. Daß das zentrale Frömmigkeitsverständnis der imitatio Christinicht elitäres, in Klöstern und Kurien verbanntes Hirngespinst blieb, sondernseit dem frühen 13. Jahrhundert vom einfachen Volk angenommen wurde,daß die Unterschicht nicht fromm ihre Magie betrieb, sondern up to datewar, will ich selbst demnächst in einer Monographie über den Brauch derSelbstkreuzigung diskutieren. Andere populäre Praktiken der frommen Fi-xierung auf die Leiden und die( geheimen) Wunden Christi, der vergegen-ständlichenden liturgischen Spiele, der Bußübungen und Passionsbräucheaber sind hinreichend bekannt und erforscht; in Kärnten fügen sie sichoffensichtlich nicht ein in das Konzept einer bäuerlich- germanisch- keltisch-römisch- ägyptisch- indianischen Volksfrömmigkeit.

Es liegt in der Eigenverantwortung der betreffenden Fakultät der Univer-sität Graz, diesen Unsinn als Dissertation angenommen zu haben, wobei manneugierig nach weiteren Überraschungen in den nicht veröffentlichten Teilenfrägt. Schon eher sind Hubert Ch. Ehalt und Helmut Konrad zur Verantwor-tung zu ziehen, da sie den Firlefanz in ihre durch andere Veröffentlichungenallgemein angesehene Reihe übernommen haben. Die Zeitungs- und Rund-funkredaktionen werden sich uneingeschränkt freuen; denn aus dem Holzdieser Untersuchung sind jene Berichte geschnitzt, in denen die germani-schen Gottheiten an Weihnachten, Ostern, Pfingsten und in der dunklenWinterzeit( nicht nur in der Alpenregion) ihr Unwesen treiben. Doch aucheine positive Anmerkung darf zum Schluß nicht fehlen: Eine Volkskunde,die mehr und mehr in neue Bereiche drängt, dafür Arbeitsfelder wie dieFrömmigkeitsforschung aus der Hand gibt und dem Mittelalter( und jenen