1995, Heft 1
Chronik der Volkskunde
101
Michael Haberlandt und Hugo Wolf
Von Margot Schindler
Die musikalische Gestaltung von akademischen Feiern oder vergleichba-ren Festanlässen ist gewöhnlich nicht zufällig, und manchmal sogar pro-grammatisch. Dies werden jene Vereinsmitglieder und Freunde, welche anden Veranstaltungen des vergangenen Jahres teilgenommen haben, wohlgespürt haben. Und dies trifft besonders auf den heutigen Abend zu. HugoWolf, dessen Lieder wir nun hören werden, und den Gründer unseresVereines, Michael Haberlandt, hat eine kurze, aber höchst bemerkenswerteFreundschaft verbunden.
Im Jahr 1897, Hugo Wolf war damals 37 Jahre alt- übrigens gleich altwie Haberlandt, mit dem er das Geburtsjahr 1860 teilt-, lag das Werk desKomponisten praktisch vollendet vor: über 200 Lieder( Mörike- Lieder1888, Eichendorff- Lieder, Goethe- Zyklus 1888- 1889, spanisches Lieder-buch 1889, erster italienischer Liederband 1890-1891, zweiter italienischerLiederband 1896), Entwürfe für Klaviersonaten, Violinkonzerte, symphoni-sche Sätze, eine Oper in vier Akten ,, Der Corregidor" 1895, die symphoni-sche Dichtung ,, Penthesilea“ nach Kleists Trauerspiel, um das wichtigste zunennen, ohne daß die damals maßgebliche musikalische Welt davon Notiznahm. Nur ein enthusiastischer Freundeskreis, verstreut über Berlin, Mann-heim, Stuttgart, Tübingen, Graz und Wien, hatte persönliche Bekanntschaftmit dem Künstler und seinem Oeuvre gemacht.
In diesem Jahr 1897 wurde Michael Haberlandt mit Hugo Wolf bekannt.Haberlandt sollte einen Kontakt mit der ihm persönlich bekannten unddamals in Wiener Salonkreisen beliebten Konzertsängerin Olga von Türk-Rohn herstellen. Man wollte sie überreden, Lieder Wolfs in ihr Konzertpro-gramm aufzunehmen, denn es war schwierig, für diese Lieder Sänger zufinden. Die Lieder waren neu, entsprachen nicht den Hörgewohnheiten derZeit und waren nicht einfach zu studieren. Zudem stand Wolf sozusagen aufdem Index, denn er hatte sich in früheren Zeiten, um der ärgsten materiellenNot zu entkommen, als Kritiker für ein Wiener Wochenblatt erbitterte Feindeunter den Interpreten, in den leitenden musikalischen Kreisen, aber auchunter dem Publikum geschaffen. Die schwierige Persönlichkeit Wolfs stürzteihn in einen ewigen Konflikt zwischen seiner schöpferischen Natur und derweltlichen Sphäre, in der sie zu wirken hatte. Wolf trat oft, wie es Haberlandtspäter formulierte, als sein eigener Feind und Widersacher auf, und so bliebdas Echo auf seine Werke zeitlebens spärlich.
Am 22. Februar 1897 kam es anläßlich des letzten Liederabends imBösendorfersaal, an dem Wolf selbst vor ein Publikum trat, zu einer näheren