1995, Heft 1
Chronik der Volkskunde
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Eine neue Identität war notwendig; eine Möglichkeit( neben anderen) be-stand darin, die ethnische Geschichte ,,, Volkskultur“, als Erdung zu nutzen.Damit war und ist in der Idee der Volkskultur immer auch schon die Moderneenthalten. In ihrem Begriff ist die kritische Neuformulierung oder sogar diesubversive Verwandlung der Tradition enthalten. Sie ist etwas Anderes,Neues, das dabei aber gleich aussehen sollte wie die Alte. Diese prinzipielleAndersartigkeit bei gleichem Schein wiederholt sich in der modernen Symbioseder Gleichzeitigkeit von Weltbürger und Provinzler, von Heimat und Welt.
Die Gründer bedienen sich bei der Vereinsgründung eines modernenMusters, eben des Vereins mit seiner modernen Verläßlichkeit durch schrift-liche Statuten und ein Vereinsziel. Die Mündlichkeit der alten Ordnungkonnte ihnen nicht genügen.
Im fin de siècle, jener Epoche, die erst post festum in Frankreich begriff-lich gefaßt wurde und zum europäischen Deutungsmuster wurde, werden dieBräuche, Märchen und Sagen, Lieder und Schauspiele, und, nach demphilologischen 19. Jahrhundert, immer mehr auch Gegenstände, die Ding-welt, ausdrücklich zum Zeichen neuer kultureller Mitteilungen. Ein glattge-griffener Sensenstil erzählt uns heute vom ganzen Leben eines Knechtes, ermutet uns poetisch an und wird gleichzeitig zum Beleg unvermittelter,direkter Lebenserfahrung. Das wurde nicht immer in der selben Weise soverstanden.
Wie es dazu kommt, nach der historischen Genese kultureller Wahrneh-mungsmuster zu fragen, wie und warum wir ,, alte“ Dinge brauchen, warumwir unsere eigene Vergangenheit musealisieren, warum wir Sammlungen alsöffentliche Erinnerungsdepots anlegen, all das weist in die Moderne unddamit auch die Institutionalisierung unseres Faches. Warum Anschauung inästhetisierten Lebenswelten( die älter sind als der neue Begriff) so wichtigwird; warum eine Gesellschaft, in der nichts mehr von Dauer zu sein scheint,Sinndimensionen in der Ästhetisierung des fernen Alltags sucht, verlangtAnstrengung und gibt den Dingen und ihren Sachgeschichten, wie auchihrem Verwahrort, dem Museum, eine neue, jetztzeitige und zukünftigwachsende Bedeutung.
Wenn es noch eines Beweises für die Modernität und die inzwischen,, demokratisierte“ Zugänglichkeit der Volkskultur bedarf: Im vergangenenJahr wurde in Linz zum ,, Runden Tisch Volkskultur“ eingeladen. Der rundeTisch sollte höchst modern, zugleich historisch und anspielungsreich aufeine Konfliktkultur verweisend, die Gleichrangigkeit aller Beteiligten sym-bolisieren, die sich in einem weiteren Spektrum als Vertreter der Volkskulturverstanden.
Das lehrt uns: es geht um Begriffe. Die Zukunft gewinne, so hat derHistoriker Michael Stürmer einmal gemeint ,,, wer die Erinnerung füllt, dieBegriffe prägt und die Vergangenheit deutet“. Das gilt auch für die Volks-