1995, Heft 1
Chronik der Volkskunde
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Volkskultur und Moderne
Von Konrad Köstlin
Wenn Sie, verehrter Herr Minister, Sie, meine verehrten Respektsperso-nen, und Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn wir alle am Endedieser inhaltsreichen Veranstaltung angelangt sind, dann lädt man uns, dieFestversammlung, zu einem Cocktailempfang. Das ist- es sei angemerkt-durchaus ungewöhnlich und apart, und ich denke, es ist auch so beabsichtigt.Ein Cocktailempfang, wie der uns für nachher versprochene, zitiert auf derEbene der Popularkultur Städtisches aus den amerikanischen 30er und deneuropäischen 50er Jahren. Der Cocktail' selbst lehnt sich an die ,, Partykul-tur“ an und feiert derzeit sein Revival. Wären wir also auf einer Party?
Freilich, solch ein Cocktailempfang würde genaugenommen- Jankerund Dirndl, die grünen und braunen Kragen und all die bunten, gewebtenBündel verbieten. Alles Trachtige, mit dem man sich zu volkskundlichenAnlässen begibt und womit sich die urbane Gesellschaft, und längst auchdie urbanisiert- ländliche, schmückt, wäre unzulässig. Aber es funktionierttrotzdem, die Zuordnungen sind nicht mehr so eindeutig, wir haben gelernt,mit den unterschiedlichen Kulturen zu hantieren, die ,, Welten“ durchdringeneinander immer mehr. Cocktailempfang: Das„, kleine Schwarze" wäre fürdie Damen angesagt. Ich breche den Gedanken schnell ab.
Daß das so möglich ist und kaum noch auffällt, daß solches Nebeneinan-der uns vertraut ist, das könnte ein Einstieg in die Thematik von ,, Volkskulturund Moderne" oder gar ,, Volkskultur als Moderne" sein. Ich müßte nun vonder Gleichzeitigkeit des historisch Ungleichzeitigen handeln( und tue esauch schon) und von den mehrfachen Kompetenzen und Optionen und denprinzipiell offenen Wahlmöglichkeiten der Menschen in unserer Modernereden. Eine dieser Optionen heißt ,, Volkskultur“.
,, Modern" zu sein, das oszillierte schon bei der Gründung des„, Vereinsfür österreichische Volkskunde" vor einhundert Jahren eigenartig. Modernwar es, solch einen Verein zu gründen. Und ähnlich wie unsere Feuerwehrenalle zur selben Zeit ihre Jubiläen begingen, weil sie gleichzeitig modernwurden, so feiern die nationalen Volkskundevereine Europas ihre hundert-jährige Modernität. Modern war es, die moderne Institution Verein" zunutzen, um die ,, alte" Volkskultur zu retten, sie wiederzubeleben.
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Modern ist es auch, solche Anlässe wie den heutigen wahrzunehmen undzu feiern. Höchst modern und kaum 200 Jahre alt ist das Verfahren, in denDezennien, in Centennien und Millennien zu denken und sie als Marken zunutzen und zu zelebrieren, vielleicht um der modernen Zeit eine Struktur zugeben und ihrer Flüchtigkeit ein Korsett einzuziehen. Auch an eine zitierteOrtsbedeutsamkeit, eine Art Topolatrie, läßt sich denken, wenn man, wie wir