Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
Einzelbild herunterladen
 

1995, Heft 1

Chronik der Volkskunde

89

schern und-sammlern. Ihrer Meinung nach war ,, durch die Specialisierungund Concentration auf die österreichische Volkskunde eine umfassendeBetheiligung der Bevölkerung zu erhoffen... Und auf diese allseitige Be-theiligung der gebildeten Kreise in allen österreichischen Ländern musste inerster Linie gerechnet werden. Es war daher gleich anfangs klar, dassim Gegensatz zu anderen gelehrten Gesellschaften nur ein höchst beschei-dener Betrag von den Gesinnungsgenossen eingefordert werden durfte.

Dieser Leitgedanke bestimmt im Verein für Volkskunde bis zum heutigenTag die Handhabung der Mitgliedschaft und der Gestaltung des Mitglieds-beitrags. Was sich für Verein und Museum im Verlauf des gesellschaftlichenWandels und des Demokratisierungsprozesses Österreichs im ersten Viertelunseres Jahrhunderts radikal geändert hat, ist der Bedeutungsverlust, des inden ersten 25 Jahren des Aufbaus von Verein und Museum tragenden Adelsund des Großbürgertums. Verein und Museum konnten anfangs unter derallerhöchsten Protektion des Kaiserhauses agieren, und die Liste der Vereins-präsidenten zwischen den Jahren 1895 und 1921 weist Namen der Ministerfür Cultus und Unterricht sowie anderer Angehöriger der Aristokratie auf:Paul Freiherr Gautsch von Frankenthurn( 1895), Johann Graf Harrach( 1901- 1909), Vinzenz Graf Latour( 1910-1913), Rudolf Graf Abensperg-Traun( 1914–1921). Die frühere Trägerschaft des Adels im Verein kannjedoch nicht darüber hinwegsehen lassen, daß die Gesellschaft zu allererstim Bürgertum verankert war und es bis heute auch geblieben ist. Dienachfolgenden Präsidenten des Vereins seit der Ersten Republik sind dennauch durchwegs bürgerliche Angehörige des Gelehrtenstandes: MichaelHaberlandt( 1922- 1938), Arthur Haberlandt( 1938 1945), Richard Pit-tioni( 1946 1959), Leopold Schmidt( 1959- 1981).

Eine historische oder rezente Soziographie der Vereinsmitglieder, so einezu erstellen überhaupt möglich ist, gibt es nicht. Für die Frage der Wirkungs-weise und Wirkungsgeschichte der institutionellen Trias von Verein- Mu-seum Zeitschrift wäre eine solche zweifellos interessant. Jedenfalls ver-steht sich der Verein als eine offene Gesellschaft, die allen an der Volkskun-de, ihren Institutionen, Arbeitsfeldern und Arbeitsweisen und an ihrer Wis-sensvermittlung interessierten Fachleuten und Laien Zutritt gewährt. Einendoppelt aktuellen gesellschaftlichen Aspekt unseres Vereins- mit diesemAusblick will ich mein skizzenhaftes Zustandsbild abschließen- sehe ich inder unserer Gesellschaft gegenwärtig vermehrt zuwachsenden Aufgabe,innerhalb unserer scientific community, innerhalb des Fachkreises derVolkskunde also, zusätzliche, neue Arbeitsmöglichkeiten und Wirkungsbe-reiche eröffnen zu helfen. Die Arbeitsmarktlage heute lehrt uns, daß dasBerufsfeld und Betätigungsmöglichkeiten für ausgebildete Volkskundler inHinblick auf die wachsende Nachfrage seitens qualifizierter Fachabsolven-ten nicht mehr nennenswert ausgeweitet werden können. Durch seine Be-