Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
Einzelbild herunterladen
 

1995, Heft 1 Wunderglaube und Heilserwartung im barocken Klosterleben

27

fisch fast die helffte noch übrig, welcher doch in der gleichen großenPortionen kaum für die halbe Comunität scheinte genug zu sein.

Ein anderes ,, Vermehrungswunder ereignete sich auf ähnlicheWeise auch zu einem späteren Zeitpunkt, allerdings nicht mit einemFisch, sondern mit Käse und Butter, die von guten Leuten in kleinererquantität alẞ die H: Comunität erforderte, geschickt wurde. 34

Das zweite, als ,, Wunder" dieses Jahres 1674 beschriebene Ereig-nis vollzog sich im Winter. Es herrschte zwar grimmige Kälte, aberes durfte nach Anordnung der Oberin in den Zellen der Schwesternerst geheizt werden, wenn Schneefall einsetzte. Die Schwestern nah-men diese harte Resolution mit demüthiger Resignation und Still-schweigen zur Kenntnis. Doch in der selben Nacht begann es zuschneien, so daß sich bald eine dichte Schneedecke über die Erdelegte. Die Schwestern erbaten sich nun die Erlaubnis zum Einheizen,die sie von der Priorin auch erhielten, allerdings mit der Bemerkung,sie glaube, die Schwestern müßten den Schnee zusamb gezauberthaben, nur damit sie könnten einhaitzen.35

Schließlich wird auch noch von einem dritten ,, Mirakel", das sichum den alten weihnachtlichen Brauch des, Kindlwiegens rankt,berichtet. Als eine Schwester in der ,, Recreation der Weihnachtsfei-ertage ein Wachsjesukind in einer Wiege, wie es bei diesem Brauchüblich war, wohl mit geistlichen Liedern zu schaukeln begann, hörtesie plötzlich aus dem Wiegeninneren eine Stimme, die ein kindlichesWohlbehagen ausdrückte. Als jedoch eine junge Novizin in Unkennt-nis dieses Brauches hinzukam und voll Verwunderung bemerkte, daßdie betagten Mütter sich so kindisch mit selbigen belustigen, hörte sieplötzlich eine ganz andere Stimme, die von der Wiege ausging:nemblich wie daß Selbige Jesu Kindlein in Warheit bitterlich weine:Womit es zweifels ohne anzeigen wollen, waß Ihme wohl= odermißfällig wäre: wie daß nemblich dergleich denen Kindern demüthigeSeelen Ihme hertzlich gefallen, die aufgeblaẞene aber, undt Vber-müthige ihm schmertzlich weinen machen. 36

Die wunderbaren Begebenheiten, wie sie aus der Sicht der PragerKarmeliter- Chronistin aufgezeichnet werden, setzen sich auch in dennächsten Jahren dieses ausklingenden 17. Jahrhunderts fort. FünfJahre später, 1679, wird von einer mehr traurig alß fröliche begeben-

34 Chronik, S. 56, Nr. 92.35 Chronik, S. 56f., Nr. 93.36 Chronik, S. 57, Nr. 94.