Jahrgang 
98 (1995) / N.S. 49
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band XLIX/ 98, Wien 1995, 1-40

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Wunderglaube und Heilserwartung imbarocken Klosterleben

Eine Prager Karmelitinnenchronik als Quelle zurVolksfrömmigkeit des 17. Jahrhunderts

Von Elfriede Grabner

In so mancher Zeitepoche christlichen Denkens hat sowohl dieWundergläubigkeit als auch der Teufels- und Dämonenglaube dieGemüter der Menschheit beherrscht und erregt, ganz besonders auchin jener des Barock. Dies gilt nicht nur etwa für die Erscheinungendes, Volksbarock, dessen Vorstellungen und Ausformungen oftnoch bis in unsere unmittelbare Gegenwart weiterwirken, sondern hatauch Gültigkeit für die von der Kirche und den Herrscherdynastienbesonders geförderten Ordensgemeinschaften dieser Zeit. So etwakann am Beispiel einer Ordenschronik der unbeschuhten Karmelitin-nen zu Prag aus der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Fülle von Belegenbeigebracht werden, die nicht nur für den Volkskundler, sondern auchfür den Kulturhistoriker interessante Aspekte zum Überlieferungs-und Frömmigkeitsleben innerhalb eines geistlichen Ordens aufzei-gen.

Als eine solche Fundgrube barocker Frömmigkeitsschau erweistsich jene CHRONICA/ Oder/ Geschicht- Buch/ Deren Discalceaten/ Cärmeliterinen/ In der Königlichen/ kleinen Statt Prag/ Bey St:Joseph, die, ab dem Jahr 1656 handschriftlich verfaßt und durchge-hend bis 1705 weitergeführt, als xerographische Kopie heute auch imKarmelitinnenkloster zu Graz verwahrt wird.' Sie beginnt mit demJahr 1656, als Kaiser Ferdinand III.( 1637 1657) beschloß, in der,, Kleinen Stadt zu Prag auf kaiserliche Kosten ein geeignetes Hausfür eine künftige Stiftung bereitzustellen, welches eben nach wuntschgefunden, Vnd sambt einem großen garten, Von Ihro HochgräfflichenExcellenz, dem Hoch Vndt Wohlgebohrenen Herrn Herrn Adam deẞHl: Römischen Reichsgraffen Von Waldstein damahligen Obriẞten

1 Für eine Ablichtung der Chronik, die die Jahre 1656- 1705 und 1826- 1830umfaßt, danke ich meiner einstigen Hörerin, Frau Mag. Dr. Selinde Kokelj.