1996, Heft 3
Literatur der Volkskunde
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heißt einer jener unreflektierten Stehsätze, der durchblicken läßt, daß eshinter der geschichtlichen Schulung der Gebirgserfahrung eine zweite, tie-fere Wahrheit gibt. Damit liegt Steiner ganz im Trend neuer und neuesterAlpen- Esoterik, die sich trotz ,, Breitensport, an dessen Rändern nach wievor stille Sensationen liegen“( S. 8), von eigener Erfahrung erregen lassenwill: ,, Vorwärtsgehen und dabei zu sich kommen ist die Maxime einerreanimierten Tradition, in der Bewegung und Stillstand zusammenfließen."( Klappentext) In einer Kulturgeschichte der Literatur kennt sich Steiner aus,und das teilt sie auch dem Publikum im gelehrten Plauderton mit. Obwohlsich ihr Material- in dieser Begrenzung liegt a priori freilich kein Nachteil-mehr oder weniger auf Salzburg( und da wiederum auf die Tauernregion)beschränkt, stellt sie umfassendere Anprüche und will alle Epochen derNaturanschauung in den letzten rund zweihundert Jahren bedienen. Aberwenn sie Gemeinplätze wie den Blick auf die Landschaft durch das sog.Claude- Glas bemüht und damit solche ohnehin schlecht belegte Praxisunausgesprochen in die Tauern verlegt, dann überfordert sie ihr Materialzweifellos. Da nützen auch die Texte einer Bettina von Arnim, eines Ries-beck, de la Motte Hacquet, von Moll und Humboldt, eines Nicolai, Thur-wieser und Hermann Bahr wenig. Geradezu unangenehm für mündigeLeserinnen und Leser gestaltet sich die Lektüre, wenn die Verfasserin einenan der Hand nimmt und von Text zu Text begleitet: ,, Verlassen wir denFelsstücke schleudernden Major, bleiben wir beim Antisemitismus undwagen wir einen großen Sprung nach vorne."( S. 211)
Die Geschichte, die Steiner zwischen den ausführlichen Zitaten( handelt essich doch um eine Anthologie?) zu erzählen versucht, ist dann doch wieder diehinlänglich bekannte der Entzauberung qua Erschließung: ,, Um diese Zeit[ um1875, B.T.] war die Alpentouristik soweit organisiert, daß sie dem Gebirgslieb-haber ohne besondere Vorkenntnisse und körperliche Voraussetzungen denvollen Genuß der Bergwelt ermöglichen bzw. zur entgeltlichen Konsumationanbieten konnte.“( S. 202) Eine solche Feststellung suggeriert- und SteinersKommentare in Summe tun dabei ein übriges-, daßẞ spätestens mit dem Bauvon Eisenbahnen, von Unterkunftsstätten und der Anlage von Wegen dieGeschichte erledigt gewesen wäre. Der moderne Mythos Alpen, der doch durchdas Industriezeitalter, durch verbürgerlichte Lebensweisen, durch die Wahr-nehmungsgewohnheiten der späteren Moderne mindestens ebenso zu laufengelernt hat wie durch die deutsche Klassik und Romantik, hatte aber damiterst begonnen, Konturen anzunehmen. Wie sonst wäre es möglich, daß inder Gegenwart- für die Steiner etwa Ernst Gehmacher zu Wort kommenläßt nichts weniger zu konstatieren ist als das Fortleben einer zum ,, Bio-Move"( Gehmacher, S. 251) runderneuerten Bergideologie?
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Vielleicht auf andere Art und Weise überfordert auch Anton Holzer seinMaterial, aber immerhin arbeitet und deutet er im Bewußtsein, daß er es ist,