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Wolfgang Schmidbauer
ÖZV L/ 99
Für den Schriftsteller ist die Heimat eine andere als für den Bauern,aber beide Heimaten haben mit der Arbeit zu tun und mit den Bezü-gen, die sie schafft. Wenn die erste Heimat der Körper der Mutter ist,dann gibt es als eine zweite Heimat Bett, Auto, Haus, gefolgt vonGarten und Wiese, von Marktplatz und Kirche, schließlich von Auto-bahn und Fabrik. Alle Dinge, deren Bild ich ein erstes Mal in michaufnehme, erwecken später Heimatgefühle. Die ersten Dinge sindbesondere Dinge; sie erben einen Teil der Bindung, die ursprünglichder Mutter gilt, und werden schließlich zu einem erweiterten Uterus,einer kleinen Welt, die wir bereits mitgestaltet haben.
Sie bildet den Übergang zur dritten Heimat, zu Schule, Lernen,Studium, zu vorweggenommenen Reisen. So entsteht eine geistigeWelt, die unendliche viele Heimaten erschließt. Der Jugendlicheentdeckt beispielsweise Bücher, in denen er sich zuhause fühlt, Au-toren, die solche Bücher verknüpfen, so daß er von einem zumanderen springen kann, ohne sein geistiges Heimatgefühl zu verlie-
ren.
Zu dieser dritten Heimat gehören auch die Dinge, die wir unsaussuchen, an die wir uns binden und zu denen wir eine Beziehungentwickeln. Wenn ich in einer fremden Stadt ankomme, fühle ichmich schon weniger fremd, sobald ich in einem Hotelzimmer meinenKoffer ausgepackt habe. Gesetzt den Fall, ich komme mit einemLastwagen voller Möbel und beziehe eine neue Wohnung, so habe icheine Menge Heimat mitgebracht. Heimat sammelt sich in einer ma-teriell hochentwickelten Kultur um jeden Menschen, sie setzt sich anihn wie Sedimente oder Jahresringe und geht wieder verloren, wieFluẞufer, die eine Überschwemmung fortträgt.
Wenn ein dreißigjähriger Mann noch als Junggeselle im Haushaltseiner Mutter lebt, fällt das vielleicht mehr auf als ein andererDreißigjähriger, der seine Mutter einmal im Jahr anruft und sich dannmit ihr streitet. Aber beide Erscheinungen gehören zusammen: diefixierte Symbiose läßt zuwenig Trennung zu; die fixierte Individua-tion zu wenig Wiederannäherung. In unserem Umgang mit Heimatlassen sich ähnliche Charakteristika der Übertreibung und der Distanzbeobachten.
Es gibt zahllose Heimatvereine, die Tracht, Tanz, Dialekt, Hausratder Vorfahren liebevoll pflegen und sorgsam darauf achten, daß ihreKostüme mit traditionellem Leinenzwirn und nicht mit dem prakti-schen Kunststoffaden genäht sind. Und es gibt ebensoviele Men-