1996, Heft 2
Chronik der Volkskunde
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vorherrschende Stellung. Aber in der traditionellen Volkskultur, besonders inden bis zur heutigen Zeit alljährlich ausgeübten Bräuchen und Sitten könnenwir immer noch Motive uralten, vorchristlichen Aberglaubens beobachten.
Obwohl die Volkskultur des Krakauer Landes in ihrer Grundform einheit-lich war, erfuhr sie eine ständige innere Differenzierung, bedingt durchökonomische, geographische oder geschichtliche Faktoren. Daher hat mandie ethnographische Gruppe der Krakauer in Ost- und Westkrakauer unter-schieden. Die letztere Gruppe war mit der Stadt Kraków enger verbundenals die erstere; sie hat auch eine wesentliche Rolle in der Gestaltung derKulturtradition der ganzen Region gespielt.
Kraków mit seinen Denkmälern aus der verflossenen Glanzperiode Po-lens und den Gräbern der polnischen Könige hatte immer eine besondereStellung im historischen Bewußtsein der Polen, besonders was die Auftei-lung Polens unter die benachbarten Staaten in der 2. Hälfte des 18. Jahrhun-derts betrifft. Eben zu dieser Zeit war die Stadt Schauplatz schwerwiegenderhistorischer Ereignisse. Im Jahr 1794 brach unter der Führung von TadeuszKościuszko ein Aufstand los, dessen Ziel die Rettung des zerrissenen Vater-landes war. Nach der Unterdrückung des Aufstandes führten Rußland,Preußen und Österreich die dritte und endgültige Teilung Polens durch. DasKrakauer Land teilten Rußland und Österreich untereinander auf, die Stadtselbst und ihre Umgebung fielen Österreich zu.
Die nach den napoleonischen Kriegen durch den Wiener Kongreß im Jahr1814 errichtete Krakauer Republik( die freie Stadt Kraków mit ihrem Be-zirk) war für kurze Zeit der einzige relativ unabhängige polnische Land-strich. Das Ende der Republik und die Einverleibung Krakóws in dieÖsterreichische Monarchie waren die Folgen des nächsten Aufstandes, dersogenannten ,, Krakauer Revolution" im Jahre 1846.
Polen als unabhängiger Staat ist erst nach dem Ende des Ersten Weltkrie-ges im Jahre 1918 wiedererstanden. Trotz vieler Jahrzehnte der Unfreiheithaben sich nationale und kulturelle Traditionen in vielen Formen erhalten.Dazu hat die liberale Politik der Österreichischen Monarchie an der Wendevom 18. zum 19. Jahrhundert in den damals besetzten polnischen Gebietenwesentlich beigetragen. Für Kraków war diese Periode eine Entwicklungs-zeit der Bildung, der künstlerischen, wissenschaftlichen und patriotisch- kul-turellen Tätigkeit. Ihre führende Rolle in der Wissenschaft verdankt die Stadtder seit 1364 bestehenden Jagiellonen- Universität sowie der im Jahre 1873gegründeten Akademie der Wissenschaften.
Einen Aufschwung erlebte auch das künstlerische Leben- das Theater,die Literatur und die Bildhauerei, eng verbunden mit der Gründung derAkademie für Bildende Künste.
Das Interesse an der traditionellen Volkskunst und ihre systematischeErforschung, wie sie der im 19. Jahrhundert vorherrschenden romantischen