Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
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1996, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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( A. Nevlacsil bzw. Hans Eder) oder die Kleine und die Große Koalition( A.Pelinka bzw. H. Dachs) ebenso ein wie österreichische Besonderheitenzwischen Austrokeynesianismus( G. Tichy) und Austropop( A. Smudits).Daneben findet sich erhellend Unvermutetes etwa zur 68er Bewegung in derProvinz( K. Stocker), eine paradigmatische Analyse des Spielfilms ,, Wiene-rinnen- Schrei nach Liebe" von Kurt Steinwendner aus dem Jahr 1951( G.Jutz) oder ein überaus lesenswerter Aufsatz über den ,, Herrn Karl unterdem Titel ,, Reflexive Menschenverachtung: die Wienerische Variante derHerrschaftskritik( F. u. H. Steinert).

Mit die interessantesten Beiträge bietet der dritte, den Längsschnittengewidmete Teil, zum einen aufgrund des dichten Informationsgehaltes( bei-spielsweise H. Faßmann: Der Wandel der Bevölkerungsstruktur; Chr. W.Haerpfer: Politische Partizipation; G. Baumgartner/ B. Perchinig: Minder-heitenpolitik, P. M. Zulehner: Die Kirchen und die Politik u.a.), zum anderenweil hier inspiriert und methodisch innovativ Themen angegangen werden,an denen die Zusammenhänge zwischen den Veränderungen der Bewußt-seinslagen und ihren politischen und kulturellen Implikationen plastischwerden: Umgang mit Natur( M. Fischer- Kowalski/ H. Payer), Landschafts-moden( W. Kos) oder Umgang mit Monumenten und Denkmälern( J. Seiter).

Als Ganzes genommen und von einzelnen Lektüreerlebnissen mehr alspositiv angetan, wird man den Band vielleicht weniger als eine Chronik undAnalyse Österreichs nach 1945 aufzufassen haben, sondern vielmehr als( auch als solcher intendierter) Ausweis von Standard und Fortschritt derSozial- und Geschichtswissenschaften im Land. Dieser Eindruck wird nichtnur bestärkt durch die unübersehbare Präsenz etwa von Frauenthemen oderkulturwissenschaftlich dominierten Fragestellungen, sondern auch durchden fast durchgängigen Versuch, den Engrammen des Politischen in denalltäglichen Lebenswelten nachzuspüren und umgekehrt die großen undkleinen sozialen Verschiebungen im Staat nicht zu trennen von den Trans-formationen der Mentalitäten über die Jahrzehnte. Nicht eigentlich gelöstscheint dabei eine der österreichischen Kernfragen dieses Jahrhunderts: dasVerhältnis von Zentrum und Peripherie. Die Bundeshauptstadt Wien( vondenen, draußen nach 1945 ebenso haßgeliebt wie in der Zwischenkriegs-zeit) bildet zweifelsohne den argumentativen Rahmen; das Land, die Provinzhingegen gibt es nur als abstractum und Folie für Differenz. EinzelneBeiträge- wie Umbruch im Dorf?( E. Langthaler)- schaffen den Ausgleichkaum. In einem Land wie Österreich, wo in den Bundesländern auch Zeit-geschichte gerne als isolierte Landesgeschichte betrieben wird, mag dasmöglicherweise eine verständliche Reaktion sein, aber gerade für die Fragenach der Gültigkeit von Modernisierungsstrategien nach 1945 droht diesePerspektive den Blick auf größere Zusammenhänge im Kulturellen undSozialen, ja sogar im Politischen zu verstellen. Gerade im Hinblick auf