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Margot Schindler
ÖZV L/ 99
tuchfragment wurde 1988 von der Österreichischen Galerie in Wienangekauft. Auch in Südtirol, in der Schweiz und in Deutschland sindeine größere Anzahl von Fastentüchern in Museen bekannt. 12 InDiözesanmuseen und Klöstern werden die Fastentücher naturgemäßhauptsächlich nach ihrer theologischen Aussage beurteilt. Warum derFürst Liechtenstein als ausgesprochener„, Kunst“-Sammler mit seinerWidmung gerade das Wiener Volkskundemuseum bedacht hat, ist nichtüberliefert. Daß das Fastentuch zusammen mit Keramik und Masken,also klassischen ,, Volkskunst“-Objekten der Frühzeit der Sammlung,ins Haus gekommen ist, ist jedoch immerhin bemerkenswert.
Sörries widmet in seinem grundlegenden Werk über die alpenlän-dischen Fastentücher der künstlerischen Einordnung der Fastentüchereine interessante Schlußbemerkung. 13 Qualitative Merkmale zur Un-terscheidung zwischen Kunst und Volkskunst hält er zurecht fürungeeignet und ebenso das Kriterium der Anonymität der Hersteller.Die gesamte Objektgruppe der Fastentücher fiele so auseinander,denn ihr künstlerisches Niveau bewegt sich innerhalb einer weitenBandbreite von höchster artifizieller Qualität und bekannten Künst-lernamen bis hin zu fast naiver, rein reproduzierender Handwerkerar-beit oft unbekannter Herkunft.
Am ehesten der Volkskunst zuzurechnen wäre da noch die textileNadelmalerei der oft von Nonnen und anderen anonymen Frauenhän-den hergestellten westfälischen Hungertücher. Textile Kunst genoẞunter den angewandten Künsten stets die geringste Reputation. 14 Als
12 Zahlreiche Hinweise dafür in der einschlägigen Literatur, vor allem bei Sörries:Die alpenländischen Fastentücher, Klagenfurt 1988; für die Schweiz bei Marxer,Felix: Das Fastentuch von Bendern. In: Jahrbuch des historischen Vereins für dasFürstentum Liechtenstein, 74. Bd. Vaduz 1974, S. 133 – 152, besonders S. 145;für Deutschland bei Emminghaus, Johannes: Fastentuch. In: Reallexikon zurdeutschen Kunstgeschichte. München 1981, Sp. 840- 845.
13 Sörries, Die alpenländischen Fastentücher. Klagenfurt 1988, hier S. 349–351.14 Originell klingt in diesem Zusammenhang die gedankliche Verbindung vonFastentüchern mit dem oft künstlerischen Ungenügen ihrer Herstellung, welchessich in der Bedeutungswandlung der Bezeichnung ausdrückt. Das ,, velum qua-dragesimale" oder Hungertuch wird erst ab dem 16. Jahrhundert als Fastentuchbezeichnet. Die niederdeutsche Bezeichnung ,, Smachtlappen"( ,, schmachten"für Hunger und Durst leiden ,,, Lappen" für Fetzen, Tuch) läßt Sepp Walter an,, Schmachtfetzen" denken, also an ein volkstümliches rührseliges Lied. DasWort Fetzen wurde früher ja keineswegs mit abwertender Bedeutung verbunden.Vgl. Walter, Sepp: Unser festliches Jahr IV. In: Heimatwerk in Österreich. Heft2, Wien 1985, S. 4.