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Manfred Koller
ÖZV L/ 99
Wesentliche Impulse dazu lieferte bis zur Zäsur durch den spanischenErbfolgekrieg 1710/12 der dynastisch- kulturelle Austausch zwischenden habsburgischen Erblanden und dem spanischen Königreich. Diebei spanischen Statuen häufigen echten Haare sind schon bei Kruzi-fixen in der alpenländischen Spätgotik verbreitet, doch das Aufkom-men von Glasaugen und bemalten Wachsteilen ist mediterranemEinfluß zuzuschreiben. Diese Verbindungen belegt auch die Ge-schichte eines der im Barock Mitteleuropas verbreitetsten Gnadenbil-der, des ,, Prager Jesulein“ in der Karmeliterkirche Maria Schnee aufder Kleinseite in Prag. Die spanische Wachsstatuette des 16. Jahrhun-derts gelangte als adeliges Hochzeitsgeschenk schon 1587 nach Böh-men. Im Jahre 1628 wurde sie den Karmeliten geschenkt, doch erstgegen Ende der Schwedenkriege erfolgten ab 1644 reiche Stiftungen,die auch zu einer Garderobe von Spitzen- und bestickten Samt- undBrokatkleidern des späten 17. bis 20. Jahrhunderts geführt haben, dieden dreieckigen Grundtypus immer beibehalten ³8. Aus der erstenfrühbarocken Phase des gegenreformatorischen Bilderkultes vor demDreißigjährigen Krieg fehlen aber auch sonst Bekleidungen wohlwegen der Vergänglichkeit des Materials und infolge hoch- undspätbarocker Erneuerungen. Bei diesen bleiben Ausführende undWerkstätten üblicherweise anonym. Die Beurteilung vorhandenerEnsembles erschweren teilweise spätere Veränderungen oder Ergän-zungen, die jedoch wieder auf Kontinuität der Verehrung und Benüt-zung hinweisen. Die kritische Wertung derartiger Kultfiguren setzteine genaue Prüfung des heutigen Zustandes auf seine Zusammen-hänge und seine Entstehungsphasen voraus. Eine erste vorbildlicheBestandsaufnahme hat für die Diözese Hildesheim Monika Tontscherstellt. Sie konnte dabei 31 Figuren erfassen und neben Recherchenzur Verwendung früher und heute einen systematischen Zustands-und Maßnahmenkatalog als Grundlage für Erhaltung und Pflegezusammenstellen³9.
Die bisher früheste der hier vorgestellten bekleideten Kultfigurenbefindet sich im Burgenland. Sie sticht durch ihre Qualität und ihreausführliche historische Dokumentation hervor. Die stehende Ma-
38 Forbelsky, J., J. Royt und M. Horyna: Das Prager Jesuskind. Prag 1992.39 Tontsch, M.: Prozessionsfiguren- Vergangene Schätze brauchen unsere Hilfe.Eine Bestandsaufnahme in der Region Hildesheim. In: Diözese Hildesheim inVergangenheit und Gegenwart. Jahrbuch des Vereins für Geschichte und Kunstim Bistum Hildesheim 61, 1993, S. 61- 72.