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Martin Scharfe
ÖZV L/ 99
vernünftigen Zusammenhanges"; der„, Unsinn rennt den Sinn überden Haufen" so einige Sätze aus dem ersten Anlauf FriedrichTheodor Vischers zur Umschreibung des Komischen, die, eben alserster Teil der Definition, durchaus auch die Groteske bezeichnen.10Im zweiten Teil der Definition täte sich dann freilich eine Differenzauf, weil die Groteske durchaus nicht, wie in Vischers Sicht dasKomische, schmerzlos und unschädlich sein muß.
Ich schließe meine Umschreibungsversuche mit einer fünften Ein-grenzung ab mit einer Anekdote, die sich in Salvador Dalis, Gehei-mem Leben, also in der faszinierenden Autobiographie des großenMalers findet. Der Spanier hat drei verschiedene Reisen nach Wienunternommen und jedesmal versucht, den bewunderten SigmundFreud zu treffen- ohne Erfolg. Schließlich kommt das Treffen dochnoch zustande, in Freuds Londoner Exil, 1938, Dali besucht Freudzusammen mit den Schriftstellern Edward James und Stefan Zweig.Dali versucht mit Ernst auf einen Aufsatz über Paranoia, den ergeschrieben hat, aufmerksam zu machen. Aber je heftiger er dasversucht, desto mehr starrt der Psychoanalytiker den Surrealisten anund ruft schließlich Stefan Zweig zu, er habe noch nie einen sotypischen Spanier gesehen- ,, Welch ein Fanatiker!"... Die Anekdoteist ein Paradebeispiel für grotesk mißglückte Kommunikation. Daliversäumt nicht, seinem aufregenden Bericht die symbolische Pointebeizufügen- eine kleine technische Groteske, die er vor dem Besuchauf dem Hofe wahrnimmt: ,, ein gegen die Mauer gelehntes Fahrrad,und auf dem Sattel lag, an einer Schnur befestigt, eine rote Gummi-Wärmeflasche, die offenbar mit Wasser gefüllt war, und auf demRücken der Wärmeflasche spazierte eine Schnecke!" Zwar merktDali an: ,, Dies Ensemble im Hof von Freuds Haus schien seltsam undunerklärlich. Aber wir wissen alsbald: Die kleine Groteske ist einSymbol. Wir wollen uns also von dieser Anekdote anregen lassen, dietechnische Groteske stets als Symbol zu nehmen, was uns die Freiheitgibt, auch den Einzelfall als bedeutsam anzusehen.
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10 Ich zitiere nach Vischer, Friedrich Theodor: Das Schöne und die Kunst. ZurEinführung in die Aesthetik. Vorträge(= Vorträge von Friedrich Theodor Vischer.Für das deutsche Volk hg. von Robert Vischer. Erste Reihe: Das Schöne und dieKunst). 2. Aufl. Stuttgart 1898, S. 180- 183.
11 Dali, Salvador: Das geheime Leben des Salvador Dali. Übersetzt und Nachwortvon Ralf Schiebler. 3. Aufl. München, Paris, London 1990, S. 39( die ganzeEpisode S. 37-40).