Jahrgang 
100 (1997) / N.S. 51
Einzelbild herunterladen
 

1997, Heft 3

Literatur der Volkskunde

417

siebenbürgisch- sächsischer Existenz anwenden zu wollen? Solches ge-schieht folgendermaßen: Die Themen zur, Bedeutung der Nachbar-schaft, zu ,, Bräuche( n) und Alltag im Leben Siebenbürger Frauen undzur ,, Volkskunst sind in der Chronologie des Buches bezeichnenderwei-se dem Kapitel ,, vom Mittelalter zur Neuzeit eingegliedert. Da kann sichder würdigende Blick auf das Alte richten und das vermeintlich aus derUrheimat Mitgebrachte und Bewahrte kann hervortreten. So fügen sichdann auch die erzählerischen Einschübe scheinbar passend ins Kapitel.Es sind Passagen aus dem 1938 erschienenen Roman ,, Der hölzernePflug von Thusnelda Henning. Dieser hebt die Ereignisse eines sächsi-schen Dorfalltags aus dem 19. Jahrhundert in mythische Dimensionen undkann deswegen von der Autorin leicht und kommentarlos zur ,, Chronik"umfunktioniert werden. So purzeln im Kapitel die Jahrhunderte unauffäl-lig durcheinander. Ein Interviewfragment, in dem eine in den achtzigerJahren ausgewanderte Sächsin über das Gemeinschaftswesen im Heimat-dorf zu Ostern 1979 nachsinnt, fügt sich in dieser Sicht der Dinge nahtloszum Schlußteil der Nachbarschaftsproblematik ,, vom Mittelalter zur Neu-zeit ein.

Im allgemeinen wird der Informationswert der im Buch resümiertenQuellen kaum wissenschaftlich hinterfragt. Wenn es obendrein um Identi-tätsmechanismen in einem multinational geprägten Kulturraum geht, kom-men Aussagen zustande, die den Verdacht nahelegen, daß die Autorin keinenanalytischen Begriff davon hat. So zu verfolgen am Beispiel der Tracht: Mitder Übernahme beschreibender Textpassagen aus älteren Quellen fließt indie Überlegungen Frau Kaiser- Kaplaners Gedankengut früherer ,, Sprachin-seltheorie" ein. Mit dem Wesen der Tracht scheint ihr hauptsächlich dasBemühen verbunden, Althergebrachtes urheimatlicher Abstammung in Klei-dung und Tragesitten möglichst unverändert über die Zeiten weiterzugeben,sich damit gegen die Fremdeinflüsse der Umgebung abschirmend- es ,, hatsich an der Landlertracht seit ihrer Ankunft in Siebenbürgen bis heute wenigverändert"( sic! S. 75). Als Beleg soll die detaillierte Beschreibung derKleidung österreichischer Einwanderer um 1750 dienen: ,, Der Landler hatteknielange enge oder weite Hosen an, bunte Strümpfe und dunkle Schnallen-schuhe eine rote Weste, Hosenträger..." Und etwas weiter oben: ,, Sie trugweiße, rote oder blaue Wollstrümpfe und Schnallenschuhe.( S. 75) Wenndann gleich im Anschluß an diesen Text Auszüge aus einem zeitgenössischenInterview ein ganz anderes Farbenbild der Landlertracht liefern( ,, Sie warenimmer so dunkel gekleidet, fast schwarz"), bleibt der Autorin nichts anderesübrig als zu sinnieren: ,, Die Tracht der Landler spiegelt vielleicht ihrtrauriges Schicksal wider.( S. 75) Daß es bei der Ankunft in Siebenbürgenzwar ausgewanderte Kärntner, Bauern und Handwerker aus dem Salzkam-mergut und der Steiermark gab, die ihr jeweiliges Standes- und Regionalge-