Jahrgang 
100 (1997) / N.S. 51
Einzelbild herunterladen
 

1997. Heft 3

Schlangenhaut am Wege

309

machenden Pfeiles: ,, der Pfeil gehört nicht mehr dem Schützen,sobald er von der Sehne des Bogens fortfliegt, und das Wort gehörtnicht mehr dem Sprecher, sobald es seiner Lippe entsprungen und gardurch die Presse vervielfältigt worden. Wenigstens im Keim möchteman hier Trauer oder gar Zorn mitschwingen hören- Trauer und Zornüber die Ohnmacht, die aufsteigt, wenn man enteignet wird. EinenAspekt dieses Aspekts( wenn ich so sagen darf) hat Karl Marx unterdem Begriff der Entfremdung- Entfremdung der Arbeit und desArbeiters thematisiert und analysiert; exemplifiziert hat er seineUntersuchungen auch an der Ware, und es ist bezeichnend, daß er hierauf den Begriff des Fetischs gestoßen ist als eines von Menschenhergestellten, dann aber mystifizierten und verhimmelten, eines se-kundär mit eigenem Leben bedachten Dings.

Da ist also nochmals das Thema angeschlagen, daß die vom Men-schen gemachten Dinge ihrem Macher entgleiten oder ihm über denKopf wachsen. Auf diese Möglichkeit und Eigentümlichkeit desKulturproduktionsprozesses hat Popper ausdrücklich hingewiesen;am engagiertesten aber hat sie wohl Günther Anders behandelt imHinblick auf unsere moderne technische Zivilisation: der Menschproduziert derart perfekte Produkte, daß er neben ihnen selbst als ganzantiquiert erscheint, ja daß er sich vor der gottähnlichen Qualitätseiner Produkte schämen muß- ,, prometheische Scham heißt derAusdruck, den Anders hier verwendet. Man sieht also, daß derVorgang der Abtrennung, Entfernung, Enteignung, Entfremdung un-ter verschiedenen Blickwinkeln schon betrachtet, daß diesePerspektiven aber kaum einmal zusammengeführt worden sind. Abersie spiegeln doch ein starkes Interesse wider- zumal, zu Beginnunseres Jahrhunderts, auch Georg Simmel sich intensiv mit demThema einer ,, Tragödie der Kultur( wie er das Problem nannte)auseinandergesetzt hatte: ihm war vor allem angesichts von Erschei-nungen moderner Kultur und Zivilisation der Verdacht gekommen,daß nicht zuletzt infolge des ungeheuren Zuwachses von- mit Popper

9 Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland.In: ders.: Sämtliche Schriften in zwölf Bänden. Hg. von Klaus Briegleb. Frank-furt am Main, Berlin, Wien 1981. Band 5, S. 505- 641; hier: S. 509( Vorrede zurzweiten Auflage, 1852).

10 Vgl. Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band 1: Über die Seeleim Zeitalter der zweiten industriellen Revolution.( 1. Aufl. 1956.) Nachdruck1988 der 7. unveränd. Aufl. München 1988, S. 23- 25.