Volume 
100 (1997) / N.S. 51
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Chronik der Volkskunde

ÖZV L/ 99

Wissenschaft zu integrieren. Dazu gehört auch die Überwindung einesidyllischen Volksbegriffs, der seit der Romantik auch in die Wissenschaftendrang und der im Marxismus in der Gestalt der Arbeiterklasse zu einemhohlen Mythos wurde. Der Vorromantiker Herder hat das viel realistischergesehen. Für ihn gehörte zum Volk ,, Kaiser und Bürger, Handwerker undFürst". So führt die moderne Begrifflichkeit, wie sie von Frau Dr. Rihtman-Auguštin in der Ethnologie vertreten wird, in gewisser Weise zu Herderzurück, und der ihr heute verliehene Herder- Preis wird ihren Verdiensten inbesonderer Weise gerecht.

Friedrich Scholz

Walter Hirschberg 1904 1996

Ein wissenschaftlicher Grenzgänger

Die Apostrophierung ,, Grenzgänger" in der Wissenschaft erfährt durch dasWirken von Walter Hirschberg eine positive Bewertung. Durch seine grenz-überschreitenden und transdisziplinären Ideen, Überlegungen und Umset-zungen, wie auch durch die konzeptualen Schlußfolgerungen hat er stets zumDialog mit anderen Fächern beigetragen. Das Dialogspektrum reichte vonVölkerkunde zur Volkskunde, Ur- und Frühgeschichte, bis zur Humanetho-logie und Ethologie( Verhaltensforschung).

Betrachtet man seinen wissenschaftlichen Werdegang und die damitverbundene Interessenvielfalt, so ist leicht zu erkennen, daß Hirschberg seitseinen frühesten akademischen Studien stets sowohl natur- als auch geistes-wissenschaftliche Gesichtspunkte berücksichtigte und damit seit jeher ge-nau dem derzeit geforderten inter- bzw. transdisziplinären und integrativenForschungs- und Betrachtungsansatz entsprach. Er hat damit die Windel-band- Rickertsche Trennung in nomothetische und idiographische Wissen-schaften für sich nie akzeptiert, sondern hat stets holistisch gedacht und denganzen Menschen gesehen. Dieser ganzheitlichen Sicht fühlte sich Hirsch-berg seit seinen Studientagen verpflichtet. Als Maturant inskribierte erzunächst an unserer Alma Mater Rudolphina in Wien Biologie und besuchtein diesem Zusammenhang das Naturhistorische Museum, eine Forschungs-stätte, der er bis zu seinem Tode verbunden blieb. Der Völkerkundler undMexikanist Prof. Röck weckte bei dem jungen Studiosus im Jahre 1925Begeisterung für das Studienfach Völkerkunde, das diesem bis dahin nurdurch Buchpublikationen von Sven Hedin( z.B. Transhimalaya) bekanntwar, und machte ihn auch mit den Zielsetzungen und Aufgaben der Anthro-pologischen Gesellschaft vertraut. So wechselte er im Sommersemester