1997, Heft 1
Literatur der Volkskunde
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sind, werden die hohen Ansprüche formuliert, unter denen die Autorenangetreten sind: Um nichts weniger als um die Totalität und Authentizitäteiner Destination geht es da. In den Essays werden die Leser auf dieIdeologie( und die Distinktionsstrategie) vom ,, Richtig Reisen" im Gegen-satz zum bloẞ touristischen Vergnügen eingeschworen. Derartige Program-matik tritt dank der Kürze der Texte hier zurück. Statt dessen bietet man eherminimalistisch einen„, Steckbrief" mit historischen, geographischen undpolitischen Daten zu Wien an, die sich- im Idealfall freilich- per Updatingjederzeit auf den neuesten Stand bringen lassen( würden).
Bemerkenswerter noch ist die Organisation der SehenswürdigkeitenWiens, die ja, wie beschrieben, im einzelnen dem gängigen Kanon desSehenswerten entsprechen. Im Hauptmenü sind 91 einschlägige Bauwerke,Institutionen und Museen, Aussichtsplätze und Parks in alphabetischerReihenfolge abrufbar. Unter den einzelnen Stichworten kann man sichentscheiden zwischen kurzen Bildlegenden und längeren( kultur-) histori-schen Erklärungen, zwischen Klangbildern und Videoszenen, zwischen derAbbildung der Lage dieser Sehenswürdigkeiten und dem Ausdruck einerPlanskizze. Was es hier nicht zu geben scheint, sind die bislang jedes Reisenbegleitenden Gütesiegel und Imperative, jene Sternchen oder Zeigefinger,die das ,,, was man gesehen haben sollte", bezeichnen, die das Sehenswerteklassifizieren und hierarchisieren. Wie in jedem anderen Alltag auch kannund soll der User aus einer breiten Palette der Möglichkeiten auswählen. ImAngebot ist Altbekanntes und Bewährtes, das man in einer Tour ,, Ein Tagin Wien" vorschlägt, das sich der einzelne aber auch in einer ,, individuellenRoute zusammensetzen kann. Tatsächlich bietet man allerhand Verknup-fungen und Service an: Von der Option, einzelne Sehenswürdigkeiten aus-zuwählen und sich diese auf einer Karte in möglichst kurzen Wegen zeigenzu lassen, bis hin zur Diashow( in raffiniertester Überblendtechnik verstehtsich), in der man sich die ausgewählten Sehenswürdigkeiten in der nunmehrrichtigen Reihenfolge arrangieren und vorführen lassen kann.
In genau diesen patenten Lösungen aber holt das alte Medium des Reise-führers als Vademecum und Bildungsgut das neue ein. Die interaktivenMöglichkeiten zur individuellen Routenplanung bewegen sich innerhalb destradierten Kanons von Wienbildern; in jeder Sachebene entspricht das Menüden in Reiseführern mitgegebenen Geh- und Sehanleitungen. Vielleichtsogar sind die Blickführungen durch die CD- ROM noch enger: Eine Dia-show, wie die angebotene, läßt mehr noch als dies in herkömmlichenReiseführern der Fall ist, schon vor der Reise wissen, was man vor Ort undnach der Reise sieht beziehungsweise sehen will. Vielleicht ist der entschei-dende Unterschied zwischen der Diashow am PC und derjenigen, die mannach der Reise Freunden und Bekannten vorführt, nur der, daß bei letztererim Vordergrund der Gebäude Personen positioniert sind.