Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LI/ 100, Wien 1997, 67-82
Chronik der Volkskunde
,,, Ethnographie ohne Grenzen' Die Anfänge dervolkskundlichen Sammlung und Forschung in denKarpatenländern- ihr zeitgenössischer Kontext und ihreBedeutung für heute."
Internationales Symposion in L'viv/ Lemberg/ Ukraine,12. 13. November 1996
Galizien ist heute der westlichste Teil des 1991 in die Unabhängigkeitentlassenen Nationalstaates der Ukrainer. Von 1772 bis 1918 war es dieöstlichste Provinz der österreichisch- ungarischen Monarchie. Die zentraleStadt Lemberg bietet noch heute im Zentrum den nahezu unverändertenAnblick einer ehemaligen k.u.k. Landeshauptstadt, wenn auch rundum ein-geschnürt von Satellitenvorstädten nach sowjetischem Muster.
Was heute nahezu vergessen ist, sind die einst regen geistigen Verbindun-gen zwischen Lemberg und Wien. Österreich entsandte seine Beamten inden östlichen Außenposten, die ukrainische Intelligenz- Studenten, Wis-senschaftler, Literaten zog es in die Metropole des Vielvölkerstaates.Österreich errichtete die erste Universität mit einem ,, Studium Ruthenum"ab 1787 in Lemberg, und umgekehrt organisierten sich in der zweiten Hälftedes 19. Jahrhunderts die Ukrainer an der Wiener Universität. Der intellek-tuelle Austausch durchdrang alle Bereiche des politischen und gesellschaft-lichen Lebens und betraf auch die sich vor etwa hundert Jahren überallnahezu gleichzeitig institutionalisierenden nationalen Ethnographien.
Das Österreichische Museum für Volkskunde, das sich in seiner Grün-dungsphase als völkerübergreifendes Unternehmen verstand, unterhielt inden ersten beiden Jahrzehnten seines Bestehens rege Beziehungen zu denvolkskundlichen Institutionen und deren Repräsentanten in Lemberg. Über2000 galizische Objekte gingen in die Sammlungen des Museums ein.Michael Haberlandt unterhielt persönliche Kontakte zu den damals führen-den polnischen, ukrainischen, deutschen und jüdischen WissenschaftlernGaliziens. Man nahm von der gegenseitigen Arbeit Kenntnis und lanciertegemeinsame Projekte. Der große ukrainische Gelehrte und SchriftstellerIvan Franko, der Deutsch, Polnisch und Ukrainisch gleichermaßen be-herrschte, publizierte in der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde undmit ihm zahlreiche weitere galizische Wissenschaftler. Arthur Haberlandt