1997, Heft 1
Zwischen ,, Volksgeist" und ,, Volksaufklärung"
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eine andere Entwicklung vollzog: kein kraftvoller Nationalismus,selbst nicht unter Lodewijk Napoleon oder der Einverleibung durchdas französische Kaiserreich, wohl aber ein wachsendes Nationalbe-wußtsein, das von den damaligen niederländischen, Volkskundlernmitkonstruiert wurde. 12 Zudem waren die vaterländischen Gefühlesehr unterschiedlicher Art. Wir können hier von einem, westlichen'und einem, östlichen Modell nationaler Identität sprechen.¹³ In denNiederlanden, die seit der Erhebung gegen den Spanier eine födera-listische aber relativ stabile Staatsform gekannt hatten, besaß derStaat eine viel größere Bedeutung als im damaligen Deutschland mitseiner, Kleinstaaterei'. Gerade in diesem Punkt standen die Nieder-lande Frankreich und England viel näher.
Es scheint mir, daß wir in diesen unterschiedlichen nationalenGefühlen auch den Grund dafür suchen müssen, daß die tieferenMotive Hoffmanns oder der Grimms in den Niederlanden nicht wirk-lich verstanden worden sind. Vor allem die von Herder entlehntenAuffassungen von Sprache, Volk und Vergangenheit werden sich nurschwer in das niederländische Gedankengut zu Beginn des neunzehn-ten Jahrhunderts gefügt haben. Ebendiese Begriffe werden in denfolgenden Abschnitten thematisiert, wobei ich betonen möchte, daßes sich lediglich um eine erste Erkundung der unterschiedlichenProbleme handelt, um einen Versuch, Klarheit zu schaffen, bezüglichder Rolle der vaterländischen Gefühle in den Niederlanden bei derRezeption vor allem der Heidelberger Romantik. 14
In: Veranderende grenzen. Nationalisme in Europa, 1815- 1919. Hg. vonL. H. M. Wessels und A. Bosch. Nimwegen und Heerlen 1992, S. 59- 103, bes.63 ff.
12 Ich lasse anders verlaufene Entwicklungen in Flandern, aber auch die in Fries-land, in diesem Artikel beiseite. Mit der Vorstellung von nationalem Bewußtseinals ,, gesellschaftlichem Konstrukt"- ich verweise hier nur auf bekannte Begriffewie imagined community'( Anderson) oder invention of tradition'( Hobs-bawm) vertrete ich natürlich eine andere Sicht als Meertens, der die Volkskundenur dort gedeihen sah, wo ein starkes Nationalbewußtsein bereits vorhanden war.13 Für eine neuere Ausarbeitung dieses bekannten Unterschiedes, wobei wir unter, östlich vor allem Osteuropa( d.h. alles östlich des Rheins gelegen) und Asienverstehen müssen, siehe Smith( wie Anm. 11), S. 8 – 15.
14 Für eine frühere Untersuchung dieses Einflusses, aber dann vor allem mitBetonung der mythologischen Forschung zu Beginn des neunzehnten Jahrhun-derts siehe Dekker, A. J.: 150 jaar Nederlands volksverhaalonderzoek. In: Volks-kundig Bulletin 4( 1978), S. 1- 28, bes. 2-9.