2002, Heft 3+ 4
Literatur der Volkskunde
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stellt
einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft( LPG) imthüringischen Dorf Merxleben bei Langensalza.
Die LPG waren nach der ,, Wende“ schon oft Gegenstand westdeutscherPublikationen. Sie orientierten sich in der Hauptsache an den Methoden derSED- Agrarpolitik und letztlich deren Unvermögen, die landwirtschaftlicheProduktion im Interesse der DDR- Bevölkerung zu optimieren. Die Tatsache,dass dies nur recht bedingt gelang, ist für zahlreiche Autoren der Anlaß, sichallzu einseitig und voller Häme über das sozialistische Dorf zu verbreiten.Kaum einer von ihnen dürfte sich je in einem solchen Dorf für längere Zeitaufgehalten, sich vor Ort ein Bild von der LPG- Realität und deren Mitglie-dern gemacht haben, und darum ist diese Art von Untersuchungen nicht nurunzureichend, sondern auch unbefriedigend.
Dies mußte vorausgeschickt werden, um a priori dem Buch von BarbaraSchier einen ganz anderen Stellenwert zuzuerkennen: Das, was über dieverfehlte SED- Agrarpolitik und die Mißstände in der LPG- Leitung desDorfes Merxleben gesagt werden mußte, wird sehr sachlich vorgetragen undist auch verallgemeinerungsfähig, aber im Mittelpunkt der Studie stehen dieMerxlebener mit dem Für und Wider zu ,, ihrer" LPG, die sich dadurchauszeichnete, dass sie überhaupt die erste Genossenschaft dieser Art in derDDR war( 1952). Der Rez. meinte bisher, sich mit Lebensweise bzw. Alltagder ostdeutschen Dorfbevölkerung halbwegs auszukennen. Barbara Schierhat ihn jetzt eines Besseren belehrt: Dass sie sich in hervorragender Weisedie zentralen, regionalen und kommunalen bzw. LPG- Archivalien nutzbargemacht und eine so gut wie lückenlose Bibliographie bis in die 90er Jahreausgewertet hat, kann hier nur als vorbildlich erwähnt werden. Dass abereine bayerische Volkskundlerin mit nimmermüden Interviews sich das Ver-trauen thüringischer Bauern in einem Maße erworben hat, dass ihr aus derGeschichte der LPG, dem Gerangel der LPG- Vorsitzenden untereinanderoder mit den Gemeindevertretern, vor allem aber mit dem Verhalten derLPG- Mitglieder zu ihrer Arbeit, ihren Verdienstmöglichkeiten und der Ge-staltung ihres Alltags bis ins Private usw. kaum etwas verborgen gebliebenist, besitzt nicht nur fachinterne Relevanz, sondern erweist noch wichti-ger, dass Volkskunde, interdisziplinär angewandt, Wesentliches zu zeithi-storischen Problemen wie der Auseinandersetzung mit Aspekten der DDR-Geschichte beizutragen vermag. Dennoch, so schätzt Barbara Schier ineinem sehr instruktiven Abschnitt des Buches ,, Interaktionsprobleme zwi-schen Ost- und Westdeutschen( S. 22-26) selbst ein:„ Ich bin( für dieMerxlebener, W. J.) die ,, Wissenschaftlerin aus dem Westen', der man einenkleinen Einblick ins Dorfgeschehen der Vergangenheit gestattete, bin eineFremde und soll es bleiben." Die Methodologie der„, Oral history"-For-schung kann künftig an diesem Buch nicht vorbeigehen.