2002, Heft 3+ 4
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Chronik der Volkskunde
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sich aufgrund der zeitlichen und biografischen Nähe zur sozialistischenÄra – die sogenannten„, Insider" dem Thema annäherten. Dass auch West-europäerInnen immer schon( be-) wertende Vorstellungen über und Erfah-rungen mit Sozialismus, mit Ost- und Südosteuropa haben, blieb unreflek-tiert. Die sogenannten ,, Outsider" sind emotionalisiert und gleichermaßenmittendrin allerdings ohne deshalb ihre wissenschaftlichen Rationalisie-rungen in Frage stellen zu müssen.
Die Dekonstruktion von sozialistischen Mythen( z.B. der Gleichheit derGeschlechter) und solchen der ost- und südosteuropäischen Volkskunde magso Hand in Hand gehen mit einer Neo- Mythologisierung der Geschichte undGegenwart ,, westlicher" Gesellschaften und ,, westlicher" Wissenschaften,die wiederum Fragestellungen und Sichtweisen reetablieren, die zwischen-zeitlich als überwunden galten. Seit den 1960er Jahren beispielsweise wi-chen auch die ,, westlichen“ Sozial- und Geisteswissenschaften in ihrenAnalysen zu Staaten sowjetischen Typs zunehmend von der Kategorie,, Totalitarismus“ ab und nahmen Begriffe wie„, Konvergenz“ und„, Evolu-tion" in ihr Repertoire auf. Und im Zuge der Reformbestrebungen einigersozialistischer Staaten in den 1980ern wurden zunehmend Vergleiche mitkapitalistischen und demokratischen ,, westlichen" Gesellschaften gezogen.Nun führen einige westeuropäische WissenschaftlerInnen die Kategorie,, Totalitarismus“ in eine Renaissance, die einen Vergleich mit kapitalisti-schen Gesellschaften abermals als unzulässig ausschließt. Davon abgese-hen, dass die Konjunkturverläufe wissenschaftlicher Kategorien selbst eininteressantes Forschungsthema ergäben, wird mit dem Konzept ,, sozialisti-sche Staaten als totalitäre Systeme" ,, westlicher" Standard auch nur vor-gegaukelt. Welche deutsche und österreichische VolkskundlerInnen/ Euro-päischen EthnologInnen etc. arbeiten heutzutage – in ihren eigenen Gesell-schaften- noch mit einem Kultur- und Gesellschaftskonzept, dass Indivi-duen und Gruppen in ausschließlicher Abhängigkeit von politischen undideologischen Strukturen begreift? Zudem machte die Tagung deutlich, dassost- und südosteuropäische EthnologInnen ebenso mit weitaus differenzier-teren Zugangsweisen und Interpretationshorizonten arbeiten, als sie miteinem Totalitarismuskonzept vorgegeben werden. Sie lieferten nämlich, wiebereits erwähnt, Alltagsanalysen im Spannungsfeld von( totalitärer) Herr-schaft und Praxis. Insofern kann man beruhigt sein: So wie Menschen inihren Denk- und Handlungsweisen in einer„ großen" Gesellschaft nichtMarionetten der„, großen“ Strukturen sind, so haben auch im wissenschaft-lichen Feld die AkteurInnen bei allen Abhängigkeitsverhältnissen Möglich-keiten, mit strukturellen Vorgaben so oder so umzugehen. Aber so wie ,, imGroßen" strukturieren auch in der Wissenschaft die Wechselwirkungenzwischen Bedingungen und Handlungen das Feld. Und damit sind die
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