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Chronik der Volkskunde
ÖZV LVI/ 105
problematisiert bei Maria Todorova). Die Öffnung der nationalen Volkskun-den in Ost- und Südosteuropa und das Zusammenführen der Perspektivenund Potenziale von WissenschaftlerInnen aus ,, Ost" und ,, West" ist zwei-felsohne eine Notwendigkeit und kann viele neue Chancen bringen. Mitun-ter bietet das Engagement und Fundraising ,, westlicher“ KollegInnen süd-osteuropäischen WissenschaftlerInnen überhaupt erst die Möglichkeit, mit-telfristig ökonomisch existenzgesichert über Südosteuropa zu arbeiten. Je-doch ist zu konstatieren, dass diese Strukturen von Kooperationsprojektenpotenziell Abhängigkeitsverhältnisse produzieren, die unter anderem Ein-fluss darauf haben, wer was wann wo und wie( nicht) sagen kann und darf.Dementsprechend ist zwar selbstverständlich und bedarf keiner Legitimati-on, wenn WesteuropäerInnen als ,, Outsider" über Südosteuropa forschen;der Blick von Ost- und SüdosteuropäerInnen auf ,, westliche" Gesellschaftenscheint dagegen nicht gefragt. Südosteuropäische WissenschaftlerInnen gel-ten, der Eindruck entsteht leider häufig, lediglich als ,, Eingeborene“ kom-petent( also hinsichtlich der eigenen Gesellschaft oder Region- des ,, Bal-kan", auch des sozialistischen Systems oder den jeweils eigenen Migranten-Innengruppen im Ausland); bezüglich methodologischer, methodischer undanderer theoretischer Fragen wird – wenngleich selten explizit- ein Defizitunterstellt und südosteuropäische ForscherInnen werden selten in Projektezu solchen Bereichen herangezogen.
Auch unmittelbarer finden sie ihren Ausruck, so ließen auf der SofioterTagung ,, westliche" TeilnehmerInnen Belehrungen und Bewertungen hörenwie: ,, Dieser Vortrag war interessant und fast gut." Da wundert es nicht,dass die Entwicklungen jüngster Zeit von ost- und südosteuropäischenWissenschaftlerInnen auch als Druck und ,, academic imperialism" erfahrenwerden mögen. So wünschenswert es wäre, dass die ,, kleinen Ethnologien“sich als Teil einer ,, world ethnology" akzeptiert fühlen-- von einem gleich-berechtigten ethnologischen Dialog, von dem in den letzten Jahren oft dieRede war, ist man noch weit entfernt. Dabei sind die Auswirkungen diesesungleichen Dialogs evident. Auf Seiten der ost- und südosteuropäischenWissenschaftlerInnen kann der Druck darauf hinauslaufen,„, westliche"Deutungsmodelle und Theorieangebote nicht zu adaptieren, sondern sieschnell und ungeprüft eins zu eins zu übernehmen oder – umgekehrt- die,, westliche Missionierung“ als Ganzes kognitiv und finanziell abzuwehrenund sich auf die Traditionen der eigenen nationalen Volkskunde zurückzu-ziehen. Seitens der westeuropäischen Kolleginnen besteht die Gefahr, in derKonzentration auf ,, das Andere" die Sensibilität( so sie überhaupt schonvorhanden gewesen sein sollte) für Geschichte( n) und Strukturen der eige-nen nicht-( post-) sozialistischen Gesellschaften zu verlieren. Während derKonferenz wurde zwar wiederholt bemerkt, mit welch großer Emotionalität