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Elfriede Grabner
ÖZV LVI/ 105
wandt worden sind. Es wird deutlich, wie in der religiösen Volksun-terweisung des Barock die Predigt, die im frühen Mittelalter wenig-stens in den vorliegenden Niederschriften erstaunlich trocken undaffektlos ist, sichtlich erregter wird. Die Prediger suchen jetzt nachwirksamer homiletischer Behandlung besonders des Leidens Christiund der Betrachtung des Todes und arbeiten mit immer drastischerenMitteln. Sie gestikulierten mit Totenköpfen auf der Kanzel undgeißelten sich vor den Zuhörern. Bei den Volksmissionen, die bis zu14 Tage dauern konnten, lebten die mittelalterlichen Methoden wiederauf. Ungeheueren Zulauf hatten vor allem die südländischen Prediger,wie etwa der Jesuit P. Paolo Segneri( † 1694), der in den Jahren 1665 bis1692 Volksmissionen dieser Art veranstaltete, dessen Methode selbst im18. Jahrhundert noch lebhafte Aufnahme fand. Zu solchen szenischenKanzeldemonstrationen gehörte natürlich auch die Weihe der Missions-kreuze. Daß solche von ekstatischen und affektvollen Südländern ver-anstalteten Predigt- Szenarien dann auch im deutschen Norden Auf-nahme fanden, lassen sich nur aus der Gefühlslage der damaligenFrömmigkeit und den nach religiöser Geste und nach Affekt hindrän-genden Ausdrucksformen des Barock verstehen.33
Wie sehr in der Zeit des Barock das Kruzifix in der Hand desPredigers geradezu zum Leitzeichen wurde, kann an der Gestalt desKapuziner- Predigers Markus von Aviano( Carlo Domenico Christo-fori)( 1691-1699) abgelesen werden. Der seit 1665 als hinreißenderPrediger in Venetien und als Wundertäter Gefeierte kam auf Wunschder katholischen Fürsten 1680 zur ersten Missionsreise über Tirol,Bayern, Linz, Schwaben, Franken bis Düsseldorf, 1681 über Turinbis vor Paris, wurde aber verhaftet und nach Flandern abgeschobenund kehrte dann durch West- und Süddeutschland und die Schweiz anden Kaiserhof nach Wien zurück. Dort verband den Kapuziner eineenge Freundschaft mit Kaiser Leopold I. In seiner Eigenschaft alspäpstlicher Legat und apostolischer Missionar nahm er aktiven Anteilam antitürkischen Kreuzzug, der seine Höhepunkte in der Befreiungvon Wien( 12.9.1683), von Buda( 2.9.1686) und von Belgrad( 6.9.1688) erreichte. 34 Zur Ikonographie des Kapuziners Marco
33 Veit, Ludwig Andreas, Ludwig Lenhart: Kirche und Volksfrömmigkeit im Zeit-alter des Barock. Freiburg i.Br. 1956, S. 91 f.
34 Vgl. Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 7, 2. Aufl. Freiburg i.Br. 1962,Sp. 10; Criscuolo, Vincenzo: Stichwort ,, Markus v. Aviano". In: Marienlexikon,hg. von R. Bäumer und L. Scheffczyk, 4. Bd. St. Ottilien 1992, S. 330 f.