Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde105 (2002) / N.S. 56Gockerell, Nina: Succarath – ein Fabeltier in Münchner Krippen des frühen 19. Jahrhunderts

  
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Succarath – ein Fabeltier in Münchner Krippen des frühen 19. Jahrhunderts
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Nina Gockerell

ÖZV LVI/ 105

weiblichen Endung des Namens männlichen Menschengesicht aus,das im Gegensatz zum Succarath auch Menschenohren aufweistsowie drei Reihen von Zähnen. Der Schwanz ähnelt demjenigen einesSkorpions und ist mit Stacheln gespickt, die das Tier gezielt auf seineJäger abschießen und sich dann nachwachsen lassen kann. Die Man-ticora galt als Menschenfresser. 17

Mit dem Schwanz des auf dem Boden lebenden großen Ameisen-bären hat der Schwanz des Succarath durchaus Ähnlichkeit, dochkann der Ameisenbär ihn lediglich hinter sich herziehen. Sein immereinzelnes Junges allerdings trägt er tatsächlich meist auf dem Rücken.Nahezu keinen Schwanz hat das Riesenfaultier, doch werden ihmannähernd menschliche Gesichtszüge nachgesagt, wie sie beim Suc-carath recht deutlich hervortreten. Die Pfoten oder Tatzen sowie derKörperbau des Succarath sind diejenigen eines Raubtiers. Das Zwerg-opossum trägt seine Jungen- wie seine unmittelbaren Verwandtendas auch tun ebenfalls auf dem Rücken; sie ringeln ihre Schwänzeum den nackten Schwanz der Mutter, um sich festzuhalten( Abb. 10).Affenmütter tragen ihre Jungen auf dem Rücken, auch Braun- undEisbären kennen diese Transportart für den Nachwuchs.

Bis ins 16. Jahrhundert hinein schöpften Tierbücher einerseits ausdem Wissen der Antike und andererseits aus den Interpretationen derfrühen Werke, die diese im Mittelalter zum Zwecke der Verwendungeinzelner Passagen in Predigten erfahren hatten. Die Leichtgläubig-keit der Bevölkerung war mangels eigener Erfahrungen groß, derWunsch nach Überprüfung des Berichteten noch kaum entwickelt,die Vorliebe für Legenden und Fabeln beträchtlich, was den Fort-schritt der Naturwissenschaften erheblich verzögerte. Dazu kam, daßzwar in den fürstlichen Tiergärten auf dem Kontinent, nicht aberbeispielsweise in England vor dem 19. Jahrhundert andere als dieüblichen Haus- und Wildtiere zu sehen waren. So war man lange aufBerichte und bildliche Darstellungen von geringem Wahrheitsgehaltangewiesen. Gessner verbannte als erster nahezu alle Fabeltiereaus seinem fünfbändigen Werk und schuf damit die Basis für diemoderne Zoologie. Ausgerechnet auf dem Titelblatt aber blieb einFabeltier.

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In der Mitte des 16. Jahrhunderts brachten die ersten Südameri-kaforscher manches zu ihrer Zeit als Fabelwesen empfundene Tier17 Zajadacz- Hastenrath, Salome: Die Manticora, ein Fabeltier aus Indien. In: Aa-chener Kunstblätter 41/1971, FS für Wolfgang König, S. 173–181.