Aufsatz in einer Zeitschrift 
Milzbrand-Geschichten : Thesen zur Sagenforschung in der globalisierten Welt
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2002, Heft 3+ 4

Milzbrand- Geschichten

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geartiger Redaktionsbericht trug den Untertitel Eine E- mail läßtvermuten, daß die Erkrankungen in den USA keine natürliche Ursa-che haben". Denn inzwischen gäbe es zwei weitere Erkrankungen.Einer, ein Kollege des verstorbenen Mitarbeiters der Sun, soll wiedieser ,, einen verdächtigen Brief an die Redaktion in Händen gehal-ten haben. In dem Umschlag habe sich ein Pulver befunden, dasmöglicherweise die Milzbrand- Bakterien enthielt. Schließlich solles im Florida- Büro der Sun einen arabischen Praktikanten gegebenhaben, der sich mit der E- mail, Ich habe euch eine Überraschunghinterlassen verabschiedete". Damit wurde die schlichte Milzbrand-Nachricht, hier zunächst explizit in der Möglichkeitsform präsentiert,mit sagenhaft zu entfaltenden Erzählkeimen angereichert: ein mitPulver gefüllter Brief, ein verschwundener Araber, eine geheimnis-volle Ankündigung.

Nun aber löste die Nachricht- medial und mündlich verbreitet-sofort Nachahmerhandlungen aus, so daß wieder zwei Tage später inder SZ mehrfach von sog. Trittbrettfahrern berichtet wurde: Auf demMünchner Hauptbahnhof, z.B., hatte ein Päckchen mit der Aufschrift Überraschung Alarm ausgelöst, ein Münchner Postamt mußte, weilaus einem Brief weißes Pulver rieselte, evakuiert werden. Ein Fotomit Männern in Schutzanzügen dokumentierte den Großeinsatz. DieStreiflichtglosse dieses Tages begann so: ,, Die Welt ist anders gewor-den, das stimmt. Wir merken es schon am Morgen, wenn der Brief-träger vor unserem Haus sein Fahrrad stoppt..." und weiter: ,, In derZeitung stand, der Milzbrand sei nach Florida gekommen, verkleidetals Liebesbrief an die Sängerin Jennifer Lopez."

Die nunmehr zur erzählerisch angereicherten Geschichte verwan-delte Milzbrand- Nachricht entwickelte Virulenz, sowohl faktisch wieerzählerisch. Am 10. Tag nach der ersten Meldung in der SZ kündeteder Aufmacher, also der Hauptartikel auf der Titelseite, von Milz-brand- Nachweisen in drei amerikanischen Bundesstaaten. Die Ver-sendung von Milzbrandbakterien mit der Post sei, so urteile derGesundheitsminister jetzt ,,, sicherlich eine terroristische Tat." Er undweitere Minister schlossen ,, eine Verbindung zwischen den Milz-brandfällen und dem Muslimextremisten Osama bin Laden nichtaus." Am 11. Tag lautete die Schlagzeile schon präziser: ,, Milzbrand-Spur deutet auf Todespiloten, mit dem Hinweis, daß die Frau desChefredakteurs der Sun ihre Wohnung in Florida an zwei der Flug-zeugentführer vom 11. September vermietet hatte. In USA, wo Sena-