Aufsatz in einer Zeitschrift 
Milzbrand-Geschichten : Thesen zur Sagenforschung in der globalisierten Welt
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LVI/ 105, Wien 2002, 279-295

Milzbrand- Geschichten

Thesen zur Sagenforschung in der globalisierten Welt

Helge Gerndt

Nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in NewYork am 11. September 2001 tauchten in den USA mit Milz-brand verseuchte Briefe auf. In kurzer Zeit wurde dazu in denMassenmedien eine Fülle von Berichten und Erzählungenpubliziert, die weltweit auch auf mündlichem und elektroni-schem Wege( Internet, E- mail) weiter verbreitet worden sind.An diesem Beispiel wird diskutiert, ob es sich bei den Milz-brand- Geschichten um ,, moderne Sagen" handelt, und dannanhand mehrerer Thesen die Auffassung erläutert, daß dievolkskundlich- kulturwissenschaftliche Sagenforschung ihrenGegenstand und ihr Erkenntnisinteresse unter den Bedin-gungen der globalisierten Welt neu überdenken muß.

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Sogenannte ,, moderne Sagen( urban oder contemporary legends)sind im Zeitalter der Globalisierung ein beliebter Betrachtungsgegen-stand der Volkskunde. Unbefragt und falls doch, dann unklar undkontrovers beantwortet- bleibt allerdings durchweg, als wie gehalt-voll wir die mit ihnen verbundenen Erkenntnisbemühungen einzu-schätzen haben. Sind Sagen wichtige Phänomene unseres Alltags?Anders gefragt: Welche Bedeutung darf die volkskundliche Erzähl-forschung heute in der scientific community für sich beanspruchen?Speziell: Welchen Einfluß hat der gegenwärtige Globalisierungs-prozeß nicht nur auf das Erzählen selbst, sondern auch auf die Pro-blemstellungen, mit denen sich ein Kulturwissenschaftler( als Volks-kundler/ Europäischer Ethnologe) befassen sollte?

Offensichtlich ist, daß die Rahmenbedingungen unseres Alltagsle-bens seit kurzem besonders gravierenden Veränderungen unterliegen.Das muß sich natürlich auch auf die wissenschaftlichen Zugängeauswirken. Was, zum Beispiel, bedeutet es für eine Erzählform wiedie Sage, die nach herkömmlicher Definition inhaltlich an bestimmteOrte und Zeiten gebunden ist, wenn räumliche Mobilität und zuneh-mende Beschleunigung wesentliche Kriterien des Lebens in der Mo-