268
Helmut Eberhart
ÖZV LVI/ 105
denen einige in lautloser Stille kreuzten. In den Lüften wiegten sichsilbergraue Möwen. Im Nordosten lag die Stadt Skutari mit ihren buntenHäusern, weißen Moscheen und melonenförmigen Kuppeln. UnzähligeMinaretts und schlanke Cypressen hoben sich als Silhouetten vomHimmel ab. Am Fuße unserer Anhöhe erschien ein Muezzin, der seineGläubigen in langen lauten Rufen zum Gebete aufforderte.
Es wurde immer dunkler. Der See erschien nicht mehr wie schwerbewegtes Quecksilber, sondern es lag auf ihm ein matter Schein deruntergehenden Sonne.
< 31
Am nächsten Morgen zogen wir endlich in Skutari ein, wo unseinige Tage Ruhe vergönnt waren. Die Stadt, die auf albanisch,, Schkodra heißt, liegt am gleichnamigen See und hat gegen 30.000Einwohner. Diese sind vorwiegend Mohammedaner Glossar ::: zum Glossareintrag Mohammedaner. Den kleinerenTeil bilden Katholiken und Griechen. ,, Schkodra“ hat schöne Häuser,die oft bis zu den Giebeln mit Efeu umrankt sind. Mit ihren hellenFensterläden nehmen sie sich mitunter recht malerisch aus. An derbreiten Hauptstraße liegen große europäische Gebäude, wie man sievornehmlich in Skutari findet, ohne( Seite 5:) der Stadt den ergreifenden,melancholischen Charakter des Orients Glossar ::: zum Glossareintrag Orients abzuschwächen. Bei unsererAnkunft in Skutari herrschte dort reges Leben. Österreichische Abtei-lungen zogen ein und aus, stets von den neugierigen Augen der Einwoh-ner verfolgt. In den unzähligen Kaffeehäusern ,,, kafanas“, hocktenzumeist alte Türken auf kleinen Erhöhungen und tranken ,, echt Türki-schen". Im mohammedanischen Glossar ::: zum Glossareintrag mohammedanischen Stadtteil gibt es endlose schmale Gas-sen, die durch die Mauereinfriedungen der Harems gebildet werden. Sieumgeben das Geheimnisvolle, nach dem unser Auge schaute, gewöhn-lich aber nichts sah als einen Liebeswerber, der sich mit einem am Torebefindlichen Ring, durch Aufschlagen desselben, anmeldete. Die Tür-kinnen sah man zuweilen tief verschleiert von einem zum anderen Torhuschen. Sie trachteten uns in solchen engen Gassen nicht zu begegnen.Einem aufmerksamen Beobachter entging es aber trotzdem nicht, daßdie Türkinnen oft einen schneeweißen Teint, bemalte Augenbrauen undFingernägel hatten. Gekleidet sind sie in schwarze Seidenmäntel. 32
Der albanische Türke hat zumeist nur eine Frau und die Vermäh-lung geschieht nach Sonnenuntergang, zu welcher Zeit der Neuver-mählte erst in den Harem geführt werden darf. Das Brautkleid der
31 Alb.:,,Shkodër“ oder ,, Shkodra“.
32 Zur Tracht in Nordalbanien vgl. die wohl nach wie vor beste Darstellung indeutscher Sprache bei Nopcsa( wie Anm. 28), S. 155–225.